Wohl jeder von uns hat schonmal von der Lese-Rechtschreib-Schwäche (Fachterminus Legasthenie) gehört. Doch wusstest Du auch, dass es noch eine weitere, recht häufig vorkommende Teilleistungsschwäche gibt, bei der die Wahrnehmung und die Verarbeitung von Zahlen beeinträchtigt ist? Sie nennt sich Dyskalkulie.

Oder hast Du vielleicht kürzlich vom Begriff Dyskalkulie gehört und fragst Dich, was das genau ist?

Dann bist Du hier genau richtig! Wir schauen uns in diesem Artikel die Definition, Ursachen und besonderen Merkmale der Teilleistungsschwäche Dyskakulie an.

Dyskalkulie – Definition

Die Duden-Definition für Dyskalkulie lautet: "ausgeprägte Beeinträchtigung des mathematischen Denkens bzw. der Rechenfertigkeiten".

Dabei ist es natürlich schwierig, festzulegen, ab welchem Beeinträchtigungsgrad es sich um diese Schwäche handelt. Es ist aber keines Falls so, dass dies willkürlich festgelegt ist bzw. der Begriff einfach so verwendet wird, ohne dass etwas Konkretes dahinter steht.

Was ist Dyskalkulie?
Dyskalkulie ist von der WHO als Störung anerkannt. | Quelle: Unsplash

Vielmehr ist Dyskalkulie von der WHO anerkannt. Sie erscheint als die Entwicklungsstörung "Rechenstörung" in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation unter Punkt F81.2. Die Definition dort lautet: "Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine eindeutig unangemessene Beschulung erklärbar" ist und insbesondere "die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten (...)" betrifft (Quelle: irtberlin.de).

In Deutschland gelten Teilleistungsschwächen wie die Legasthenie oder eben Dyskalkulie aber nicht als Behinderung oder seelische Beeinträchtigung in dem Sinne, und somit kann auch kein Anspruch auf Eingliederungshilfe (das sind extra Sozialleistungen für Menschen mit Behinderung) daraus abgeleitet werden.

Allerdings kann es vorkommen, dass solche Lernschwächen zu anderen psychischen Problemen führen (aufgrund von vermindertem Selbstbewusstsein oder Mobbing). Deshalb ist es wichtig, die Symptomatik einer Rechenstörung rechtzeitig zu erkennen und testen zu lassen, um dann eine gezielte Dyskalkulie-Förderung bieten zu können.

Rechenschwäche – Ursachen

Man geht davon aus, dass es sich bei Dyskalkulie um eine neurobiologische Störung handelt.

Im Gehirn ist die Kernregion für das Rechnen der sogenannte intraparietale Sulcus. Er liegt im oberen, hinteren Bereich des Gehirns, im Parietallappen.

Dieser Teil des Gehirns ist immer dann aktiv, wenn eine zu lösende Aufgabe mit Zahlen zu tun hat. In Studien mit bildgebenden Methoden wurde gezeigt, dass Schüler bzw. Schülerinnen mit einer Rechenstörung vor allem dort Defizite haben.

Dies äußert sich dadurch, dass die Aktivität im intraparietalen Sulcus bei betroffenen Personen geringer ist. Außerdem konnten auch Unterschiede in der Struktur des Gehirns festgestellt werden: Der intraparietale Sulcus ist weniger gut mit den anderen Netzwerken verbunden und hat zudem ein geringeres Volumen.

Die übrigen Regionen, wie z.B. das Aufmerksamkeitszentrum sind dafür besonders aktiv, wenn Betroffene mathematische Aufgaben lösen müssen. Das zeigt, dass Schüler mit Dyskalkulie sich für Mathe-Aufgaben viel stärker konzentrieren müssen.

Was sind Dyskalkulie Ursachen?
Dyskalkulie ist erblich. | Quelle: Unsplash

Die Wahrscheinlichkeit, eine Dyskalkulie zu entwickeln, ist höher, wenn einer der beiden Elternteile ebenfalls an einer Rechenstörung leidet. Bisher ist aber nur bekannt, dass es so eine genetische Prädisposition gibt, Dyskalkulie also vererbt werden kann. Dagegen weiß man nicht, welche Gene genau beteiligt sind.

Übrigens: Auch das Lernumfeld und die allgemeine Umgebung spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, ob und wie stark sich eine Rechenschwäche ausprägt.

Interessant ist dabei, dass sogar so kleine, scheinbar unwichtige Faktoren wie das Zahlensystem der Muttersprache entscheidend sein können. (Denn schließlich lernt man in der Regel in der Muttersprache zählen und rechnen).

Die deutschen Bezeichnungen für Zahlen sind z.B. eher unregelmäßig (damit ist natürlich v.a. das Vertauschen der Einer und Zehner bei den Zahlen ab 13 gemeint), im Französischen sind sie noch komplizierter (man denke z.B. nur an quatre-vingt-douze = "vier-zwanzig-zwölf", also 92).

Wird ein Kind mit Veranlagung zur Dyskalkulie dagegen in Asien geboren, tut es sich vielleicht leichter, denn die asiatischen Zahlbezeichnungen sind viel regelmäßiger und einfacher.

Rechenstörung – Symptome

Das "Gemeine" an Dyskalkulie ist, dass die Merkmale bzw. Symptome nicht ganz so typisch und einheitlich (und damit auch schwieriger zu erkennen) sind wie bei der Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Manche Kinder haben z.B. eher Probleme mit dem Zählen (v.a. rückwärts), und zählen deshalb in der Regel an den Fingern ab.

Andere haben große Schwierigkeiten mit dem Erfassen von Mengen. So kann es sein, dass wenn rechts 8 Bonbons liegen und links 5, dass sie nicht – wie nicht von Dyskalkulie Betroffene – auf einen Blick erkennen, wo mehr Bonbons liegen, also welche Menge größer und welche kleiner ist.

Ein weiteres Merkmal kann sein, dass der*die entsprechend*e Schüler*in häufig Probleme mit den Zahlenbegriffen an sich hat. Der "Name" einer Zahl kann nicht mit der Ziffer und Menge in Verbindung gebracht werden, und es kommt noch häufiger als eh schon bei vielen Kindern vor, dass Zahlen, die die gleichen Ziffern beinhalten vertauscht werden (z.B. 15 und 51, 16 und 61 usw.)

Abgesehen von den Grundfertigkeiten treten dann natürlich auch Probleme beim Rechnen und Lösen von mathematischen Aufgaben auf. Schon die einfachste mathematische Rechenoperation wie Addition und Substraktion bergen für Betroffene enorm viele Schwierigkeiten und Probleme.

Doch Vorsicht: Nur weil Dein Kind eines oder mehrere dieser Merkmale bzw. Symptome aufweist, heißt das nicht zwangsläufig, dass es an einer Rechenstörung leidet! Oft können auch andere Faktoren eine Rolle spielen, z.B. ein schlechtes Gehör oder Probleme mit dem Lesen und Lernen ganz allgemein.

Was sind typische Dyskalkulie Symptome?
Menschen mit einer Rechenstörung haben häufig Schwierigkeiten mit Zahlen und Maßeinheiten. | Quelle: Unsplash

Besonders bei kleinen Kindern ist eine zuverlässige Dyskalkulie-Diagnostik sehr schwierig, da die Entwicklung zu diesem Zeitpunkt allgemein noch sehr unterschiedlich sein kann und verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können.

Als Eltern ist es deshalb wichtig, das Kind bzw. die Kinder genau zu beobachten und sich gegebenenfalls mit Erzieherinnen und Erziehern bzw. Lehrpersonen auszutauschen.

Dyskalkulie – Diagnose

Wie bereits erwähnt ist Dyskalkulie von der WHO als Entwicklungsstörung anerkannt. Somit ist es auch möglich, eine offizielle Dyskalkulie-Diagnose zu stellen.

Doch wenn man das Gefühl hat, bei den Problemen des Kindes im Fach Mathematik könnte es sich um eine Rechenstörung handeln, wie erhält man dann die Diagnose?

Dies geht, indem man die Kinder entsprechend testen lässt. So ein Dyskalkulie-Test kann von einer Ärztin, einem Psychologen oder auch einer spezialisierten Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche durchgeführt werden.

Dabei arbeitet man mit Rechentests, die natürlich an Alter und Klassenstufe des Kindes angepasst sind. Das muss so sein, denn natürlich kann man bei einem Kindergartenkind noch keine Multiplikation erwarten, und wenn ein 4.-Klässler lediglich "normal" zählen kann, sagt das auch nicht viel aus.

Früher arbeitete man in der Dyskalkulie-Diagnostik ausschließlich mit ergebnisorientierten Tests, also Mathematik-Aufgaben, die es zu lösen galt, wobei nur das Endergebnis zählte. Solche Tests sind aber nur bedingt aussagekräftig (nicht umsonst bekommt man in der Schule bei der Mathematik-Klassenarbeit ja auch Punkte für den Lösungsweg, und nicht nur fürs richtige Endergebnis).

Entsprechend ist die Diagnostik, um eine Rechenschwäche festzustellen, heute viel umfangreicher. Dem Kind werden Mathematik-Aufgaben gestellt, anstatt aber nur das Ergebnis zu betrachten, beobachtet man das Kind beim Lösen dieser, und lässt es dabei sozusagen "laut denken".

Wie sieht eine Dyskalkulie Diagnostik aus?
Für die Diagnose einer Rechenschwäche wird der Umgang mit Zahlen und mathematischen Aufgaben beobachtet. | Quelle: Unsplash

So möchte man herausfinden, wo es hakt, und ob die Schwierigkeiten tatsächlich von einer Rechenstörung her rühren oder vielleicht ganz andere Ursachen haben.

Darüberhinaus können Gespräche mit der betroffenen Person Einblicke geben, ob es sich bei den Problemen in der Schule vielleicht um andere Ursachen handeln könnte. Das klingt vielleicht banal, kommt aber öfter vor als gedacht.

Manchmal braucht der Schüler eine Brille, will aber nicht zugeben, dass er nichts sieht. Oder eine Schülerin hört schlecht und versteht so häufig nicht, was die Lehrperson erklärt. Manchmal kann es auch sein, dass eine unerkannte Legasthenie vorliegt, und die*der Schüler*in einfach Probleme hat, die Aufgabenstellung zu verstehen ...

Und mal ganz ehrlich: Selbst nicht von Dyskalkulie oder Legasthenie betroffene Kinder verstehen nicht immer alle Aufgaben in der Schule. Manchmal dauert es einfach etwas länger, und nicht jedes Kind kann alles gleich schnell lernen und verstehen.

Deshalb gilt für Eltern auch hier: Augen und Ohren offen halten und das Gespräch mit dem Kind und den Lehrpersonen suchen.

Rechenschwäche – Therapie

Ist Dyskalkulie heilbar? Also gibt es eine Therapie, die die Rechenstörung und Probleme mit mathematischen Belangen eliminieren kann? Das fragen sich natürlich viele, besonders Eltern eines Kindes, das die Diagnose Rechenschwäche erhalten hat.

Die schlechte Nachricht ist: nein. Aber nur, weil es sich dabei nicht um eine Krankheit handelt, die man im engsten Sinne des Wortes "heilen" kann wie beispielsweise Krebs.

Worin besteht eine Dyskalkulie Therapie?
Durch intensive Dyskalkulieförderung kann die Schwäche so ausgeglichen werden, dass Betroffene im Alltag gut mit dem Rechnen zurechtkommen. | Quelle: Unsplash

Die gute Nachricht ist: Man kann eine Rechenschwäche behandeln und die Teilleistungsschwäche so ausgleichen, dass der Schüler, die Jugendliche und später die erwachsene Person gut durchs Leben kommt. Klar, eine Person mit Rechenstörung wird wahrscheinlich nie zum Mathematik-Ass, aber das gilt für andere ohne Dyskalkulie ja genauso.

Wichtig ist einfach, durch die Schule und den Alltag zu kommen, also die grundlegenden Rechenoperationen zu beherrschen und mit Geld, Mengen und Maßeinheiten umgehen zu können. Aber heutzutage hat man ja zum Glück im Handy immer einen Taschenrechner dabei ...

Die "Therapie" ist in diesem Fall also eher eine intensive Dyskalkulie-Förderung, die meist aus besonders ausgeprägter, spezialisierter und individueller Nachhilfe besteht.

Mit kontinuierlicher Arbeit und zielgerichteter Betreuung kann man so die wichtigsten Themen aus der Mathematik erlernen.

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Anna

Man lernt nie aus ...