Seit wann gibt es kapitalistische Gesellschaften und wie misst man wirtschaftliches Wachstum? Wie lassen sich Wirtschaftskrisen bewältigen und welche Bedeutung hat die materielle Basis des menschlichen Lebens im historischen Verlauf.

Wie wurden Güter produziert und wie lief es mit ihrer Verteilung, der Preisbildung und dem Wettbewerb. Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Märkte, das Wirtschaftswachstums, die Kapitalbildung und die Wirtschaftsordnung. Welchen Einfluss hat Globalisierung auf den Lebensstandard der Europäer? Verursacht Globalisierung zunehmende Ungleichheit?

Beim Studium der Geschichte macht mich immer wieder die Tatsache traurig, dass wir sie erst nachher studieren | Alfred Delp  deutscher Jesuit

Wer Geschichte studieren möchte, sollte schon ein gewisses Interesse für die genannten Themen mitbringen, ebenso die Bereitschaft für die Arbeit an und mit Computern um Forschungsergebnisse nach heutigem Stand der Technik präsentieren zu können . Schließlich sollen, die mit mathematischen Analysen untersuchten wirtschaftshistorischen Daten klare, wissenschaftlich fundierte Antworten liefern.

Spätestens jetzt sollte dein Interesse für Wirtschaftsgeschichte geweckt sein, oder fühlst Du Dich noch unsicher. In Ordnung - dann lies bitte diesen  Artikel und nutze Ihn als Entscheidungshilfe!

Die Genese der Wirtschaftsgeschichte

Die Wirtschaftsgeschichte hat sich als Fachdisziplin seit dem 19. Jahrhundert wesentlich aus der Volkswirtschaftslehre heraus entwickelt, die zumindest in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg durch historische Methoden dominiert wurde.

Der Erste Weltkrieg löste tiefgreifende Verschiebungen im Gefüge der deutschen Gesellschaft aus. Spannungen, die schon zuvor die Geschichte des deutschen Kaiserreiches prägten, wurden deutlicher erkennbar und gewannen mit der Dauer des Krieges neue Dynamik.

Auch das Gewicht der verschiedenen Sektoren der Wirtschaft verschob sich deutlich, nicht zuletzt aufgrund der tiefgreifenden staatlichen Eingriffe. Zugleich legte das System der Kriegsfinanzierung die Grundlagen für eine inflationäre Entwicklung, die wiederum die ersten Nachkriegsjahre entscheidend bestimmen sollte, bis hin zur Hyperinflation des Jahres 1923.

Die neu gegründete Republik war auch aus diesem Grund in den ersten Jahren ihres Bestehens stark gefährdet, sodass sich die Frage nach den Gründen ihrer Überlebensfähigkeit in dieser kritischen ersten Phase möglicherweise dringlicher stellt als die nach ihrem Scheitern 10 Jahre später.

Die Börse in New York Symbol der Finanzwelt
Börse in New York - Handelsplatz für Aktien und Barometer der Wirtschaft | Quelle: Unsplash

In Großbritannien und den USA dominierte die neoklassisch orientierte, New Economic History, die wirtschaftsgeschichtliche Forschung, während in anderen, vor allem europäischen Ländern verschiedenste, häufig stark mit der Sozialgeschichte verzahnte Ansätze zum Beispiel  der Annales-Schule von Bedeutung waren.

Die Wirtschaftsgeschichte wurde insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend zu einer eigenständigen historischen Teildisziplin, die ihre Hochphase in den 1960er- und 1970er-Jahren erlebte, aber speziell im Zuge der Finanzkrise seit 2007 wieder verstärktes Interesse auf sich gezogen hat.

Wirtschaftsgeschichte heute

Heute ist die Wirtschaftsgeschichte in der Geschichtswissenschaft einerseits und der Wirtschaftswissenschaft andererseits angesiedelt. Bis in die 1980er-Jahre führte dies zu einer durchaus produktiven Zusammenarbeit, verhinderte aber nicht die Spaltung in unterschiedliche Disziplinen:

  • Zum einen in die Gruppe der Ökonometriker*Innen, die aktuelle theoretische Modelle auf historische Datensätze anwenden
  • zum anderen in die Gruppe der „normalen“ Historiker*Innen, die sich mit wirtschaftsgeschichtlichen Themenstellungen beschäftigt. Beide forschen in der Regel unabhängig voneinander

Dieser Tatbestand macht sich in unterschiedlichen Publikationskulturen bemerkbar. Das äußert sich nicht allein darin, dass die Ökonometriker*innen ihre Forschungsergebnisse zumeist als „Paper“ veröffentlichen und diese Ergebnisse meistens öffentlich bzw. online zugänglich machen.

Studien in der Bibliothek
Recherche und Forschung sind notwendig um Wirtschaftsgeschichte zu verstehen | Quelle: Unsplash

Wirtschaftshistoriker*innen, die in der Geschichtswissenschaft verwurzelt sind, bevorzugen weiterhin Publikation im Printformat. Es zeigt sich auch darin, dass unterschiedliche Internetquellen für die Forschung von Interesse sind, etwa was Datenbanken angeht. Gleichwohl gibt es zahlreiche Online-Ressourcen, die sowohl für Ökonom*Innen, als auch Historiker*Innen von Interesse sind.

An den Universitäten werden Lehrstühle für Wirtschaftsgeschichte in der Regel entweder an geschichtswissenschaftlichen oder wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten angesiedelt. In der deutschen Hochschulpolitik ist die Wirtschaftsgeschichte gemeinsam mit der Sozialgeschichte als Kleines Fach eingestuft.

Methoden der Wirtschaftsgeschichte

Die Wirtschaftsgeschichte befasst sich mit der historischen Entwicklung sowohl des wirtschaftlichen Handelns der Menschen als auch der materiellen Grundlagen der Gesellschaft. Sie analysiert die Entwicklung sowohl von Volkswirtschaften, als auch von Unternehmen oder wirtschaftlichen Sektoren.

Sie ist disziplinär und methodisch zwischen den Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften angesiedelt und nimmt zwischen diesen eine Brückenfunktion wahr.

Da diese beiden Fächer in ihren theoretischen Grundlagen sehr heterogen sind, ergeben sich vereinfacht drei Zugangsweisen zur Wirtschaftsgeschichte:

  • eine ist dem ökonomischen Paradigma verpflichtet
  • die zweite versteht sich sozialwissenschaftlich-evolutorisch
  • die letzte folgt einem strikt historischen Ansatz

Die erste Herangehensweise strebt ohne den historischen Platz hinreichend zu reflektieren, nach generalisierbaren theoretischen Aussagen.

Die Letzte, in einer gut verständlichen-narrativen Vorgehensweise, bemüht sich um eine sachgerechte Interpretation und bedient sich einer Philosophie des Verstehens, wobei sie mehr oder weniger theoriefern arbeitet.

Die mittlere Vorgehensweise dagegen greift Anregungen von beiden Seiten auf, indem sie einerseits Gegenstand und Theoriebildung selbst historisiert. Die ökonomische Theorie wird also als ein historisches Phänomen verstanden und somit an spezifische historische Bedingungen gebunden und erhebt somit keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Die von verschiedenen Forschern verwendeten Methoden differieren demnach entsprechend ihrer Herangehensweise und ihrer Fragestellung. Häufig ist ein der Fragestellung angepasster Methodenpluralismus vorzufinden.

Quellen der Wirtschaftsgeschichte

Quelle der Wirtschaftsgeschichte kann jede Art von Überlieferung sein, die Informationen über wirtschaftliche Umstände und Vorgänge in der Vergangenheit offenbart.

  • veröffentlichte und archivalische, schriftliche serielle Quellen wie historische Bilanzen, Kurszettel, Preiscouranten, Rechnungen und Rechnungsbücher, Testamente, statistische Veröffentlichungen wie Zollregister
  • Quellen zur Wirtschaftsverfassung und zu wirtschaftlichen Handlungsweisen sind beispielsweise Protokolle, Verträge, Briefkopierbücher, Gesetze, Zunftordnungen etc.
  • Archäologische Quellen wie Münzen, Möbel, Werkzeuge, Fabriken, Werkstätten, Marktorte, Handelsstraßen
  • Geografische Befunde, Landkarten etc.
  • Metaquellen, die der Wirtschaftshistoriker selbst aus vorgefundenen Quellen konstruiert, zum Beispiel genealogische Datenbanken, historische Datensammlungen wie Preisreihen und rekonstruierte Nationalproduktrechnungen etc.

Themen der Wirtschaftsgeschichte 

Die Themen der Wirtschaftsgeschichte umfassen die historische Entwicklung, Probleme und Einzelfragen von Volkswirtschaften ebenso wie die einzelner Branchen, Sektoren, Wirtschaftssubjekte und Institutionen. Wirtschaftsgeschichte dient somit auch als Oberbegriff für :

  • Alltagsgeschichte; Sozialgeschichte, Arbeitergeschichte und Handwerksgeschichte
  • Agrargeschichte
  • Bankengeschichte und Geldgeschichte
  • Entwicklungsgeschichte
  • Cliometrie
  • Geschichte der Weltwirtschaft und der Globalisierung bzw. Geschichte internationaler Wirtschaftsbeziehungen
  • Handelsgeschichte
  • Unternehmensgeschichte
  • Geschichte der Wirtschaftspolitik
  • Geschichte des ökonomischen Denkens
  • Die Geschichte von Wirtschaftssystemen, Wirtschaftskulturen und Wirtschaftsstilen
  • Historische Demographie
  • Migrationsgeschichte
  • Post- und Verkehrsgeschichte
  • Umweltgeschichte
  • Wirtschaftsgeschichte nach Ländern und Epochen

Forschungsaktivitäten und Aspekte

Ein inzwischen international anerkannter Indikator für den (biologischen) Lebensstandard ist die durchschnittliche Körpergröße einer Population. Durch die Analyse der verschiedenen Geburtsjahrgänge können Aussagen über die zeitliche Entwicklung des Lebensstandards der jeweiligen Population getroffen werden. Forschungen zum "biologischen Lebensstandard", der sich mit den Komponenten Gesundheit, Lebenserwartung und Ernährung befasst. Eine mögliche Überlegung könnte sein, dass sich durchschnittliche Kaufkraft und Gesundheit nicht immer parallel entwickeln.

Internationale Projekte untersuchen nicht nur den Nachweis des biologischen Zusammenhangs zwischen der Qualität der Ernährung und der durchschnittlichen Körpergröße, sondern auch wirtschaftspolitische Gründe, die beispielsweise in der NS-Zeit dazu geführt haben, dass im damaligen Deutschland die Körpergrößen stagnierten.

Eine  weitere Forschung untersucht Firmengründungen und Innovationen im Zusammenhang mit der Anzahl wichtiger Patente, die länger als zehn Jahre laufen. Diese Lauf- und Bewilligungszeiten könnten  als Näherung für die Innovationsfreudigkeit verschiedener Länder gelten, und somit wichtige Determinanten für Innovation identifizieren.

Revolutionäre Informationsübertragung mittels codierter Signale | Quelle: unsplash
Die Telegraphie: eine Revolution in der Nachrichtenübermittlung | Quelle: Unsplash

Die Transportrevolution betraf nicht nur die Eisenbahn, sondern beinhaltet auch Fortschritte im Landverkehr, Straßenbau und auf dem Wasser. Fast gleichzeitig mit der Transportrevolution fand auch eine üblicherweise weniger beachtete Revolution in der Kommunikation statt, die den Telegraph und später auch das Telefon hervorbrachte. Wie veränderten diese Revolutionen die Wirtschaft und Gesellschaft im 19. Jahrhundert und ermöglichten dabei die moderne Welt?

Nach dem Zweiten Weltkrieg zur Weltmacht aufgestiegen, prägten die Vereinigten Staaten von Amerika die westliche Welt nicht nur in kultureller  sondern auch in politischer, und wirtschaftlicher Hinsicht durch Kapitaltransfer, Technologie- und Management-Know-how, während die europäischen Volkswirtschaften durch den Krieg nachhaltig ins Hintertreffen geraten waren. Anhand von Texten soll der amerikanische Einfluss auf die deutsche Wirtschaft im 20. Jahrhundert und seine Konsequenzen untersucht und eine Auseinandersetzung mit dem Amerikanisierungsbegriff vorgenommen werden.

Voraussetzungen für das Master-Studium Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Für ein Master-Studium im Bereich Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist in erster Linie ein Hochschulabschluss auf mindestens Bachelor-Niveau in Wirtschafts- und Sozialgeschichte oder einer äquivalenten Geschichtswissenschaft von mindestens sechs Semestern Regelstudienzeit erforderlich.

Englischsprachige Master-Studiengänge im Bereich Wirtschafts- und Sozialgeschichte erfordern einen Nachweis der Englisch-Kenntnisse durch gängige Zertifikate (TOEFL, IELTS, CAE).

Neben diesen allgemeinen Kriterien können je nach Hochschule facheinschlägige Praktika und Motivationsschreiben erforderlich, sowie örtliche Zulassungsbeschränkungen (NC nach Abschlussnote des Bachelor-Studiums) und Eignungsfeststellungsverfahren gegeben sein.

Typische Lehrveranstaltungen des Master-Studiums Wirtschafts- und Sozialgeschichte

  • Geschichte globaler Märkte
  • Einführung in die Wirtschaftspolitik
  • Globale Vielfalt des Kapitalismus
  • Geschichte des Marketings und des Massenkonsums
  • Unternehmertum von Einwanderern
  • Entwicklungswirtschaft
  • Nachhaltige Entwicklung, Handel und Umwelt
  • Internationales Human Ressource Management
  • Außereuropäische Geschichte
  • Einführung in die Finanzwirtschaft
  • Grundlagen internationaler Wirtschaftsbeziehungen
  • Konsumentenverhalten

Wo kann ich Wirtschafts- und Sozialgeschichte (Master) studieren?

Diese Aufzählung dient als Information, welche Universitäten Masterstudiengänge anbieten, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu haben.

  • Philipps-Universität Marburg - Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte  Master of Arts  4 Semester (Vollzeit) Marburg
  • Georg-August-Universität Göttingen History of Global Markets  Master of Arts   4 Semester (Vollzeit) Göttingen
  • Technology Arts Sciences TH Köln  International Business  Master of Arts  4 Semester   ( Vollzeit) Wintersemester  Köln
  • Universität Mannheim Master Kultur und Wirtschaft : Geschichte Master of Arts  4 Semester   ( Vollzeit) Winter & Sommersemester

Berufsaussichten nach dem Master-Studium Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Absolventen und Absolventinnen des Master-Studiums Wirtschafts- und Sozialgeschichte werden in aller erster Linie, nach einer dem Master-Studium anschließenden Promotion, in der wissenschaftlichen Forschung an Universitäten sowie öffentlichen und privaten Forschungseinrichtungen tätig.

Zu Letzteren zählen etwa Wirtschaftsforschungsinstitute, Zentralbanken, internationale Organisationen sowie weitere wissenschaftliche Einrichtungen. Darüber hinaus bestehen auch Beschäftigungsmöglichkeiten in der Medienbranche, im Wissenschaftsjournalismus, Wirtschaftsjournalismus, im Verlagswesen, im Ausstellungswesen und im Museumswesen.

Ferner arbeiten Wirtschafts- und Sozialhistoriker*innen auch in der Erwachsenenbildung, im Dokumentationswesen (Wirtschaftsarchive), bei Verbänden und in Interessensvertretungen. Außerdem bieten auch der Bereich der Kommunikation von Unternehmen, Banken sowie das Marketing, die Öffentlichkeitsarbeit und die Unternehmensberatung mögliche Aufgabengebiete.

Fazit

Natürlich ist es eine Kernkompetenz der Wirtschaftsgeschichte bedeutende und komplexe wirtschaftliche Phänomene in der Vergangenheit, wie etwa die Industrielle Revolution zu erklären. Das Studium der Geschichte im speziellen der Wirtschaftsgeschichte bietet aber auch direkte Verbindungen zur gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Gegenwart und kann möglicherweise als Brennglas für die Betrachtung der Gegenwart verstanden werden.

Andererseits bilden besondere historische Gegebenheiten sowohl in der alten Geschichte  als auch in der mittelalterlichen Geschichte bis hin zur Gegenwart ( Corona Pandemie) einen einzigartigen Rahmen, der es erlaubt, ähnlich einem naturwissenschaftlichen Experiment durch die Gegenüberstellung von vergleichbaren Kontroll- und Versuchsgruppen die kausalen Folgen von wirtschaftspolitischen Eingriffen festzustellen. Das Aufzeigen von solchen Kausalzusammenhängen ist eine der prägendsten Bestrebungen moderner, angewandter Ökonomie.

 

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Karl Heinz

Hi, it's me - Karl Heinz, not really new, but still active. My passions are outdoor activities. I love the nature, riding the bike, hiking through the mountains, preferably with my wife and my dog. These are opportunities to let flow my thoughts and get inspiration for writing comments and blogs.