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Welche Rolle spielt Englisch in Indien?

Von Anna, veröffentlicht am 25/10/2019 Blog > Sprachen > Hindi > Was sind die Besonderheiten des Indischen Englisch?

Bevor Indien im Jahr 1947 seine Unabhängigkeit von der britischen Krone erlangte, hatte es über 200 Jahre unter englischer Herrschaft gestanden. Die erste gewählte indische Versammlung brauchte entsprechend auch eine Weile, um sich auf die offiziellen Sprachen der neuen Nation zu einigen.

Als dann im Jahr 1950 schließlich eine Verfassung entworfen und von der konstituierenden Versammlung anerkannt wurde, sah die neue Gesetzgebung des Landes für nicht weniger als 23 Sprachen einen offiziellen Status vor – darunter auch für Englisch.

Englisch und Hindi wurden zu den offiziellen Sprachen der indischen Regierung (also zu den Amtssprachen) und die 21 weiteren wichtigen Sprachen bekamen im Rahmen des Eighth Schedule to the Constitution of India (wörtlich etwa: “Achtes Programm der Indischen Verfassung”) einen offiziellen Status zugesprochen.

Diese 23 Sprachen entsprechen den meistgesprochenen Sprachen und Sprachvarietäten bzw. Dialekten des Landes. Den 29 Bundesstaaten und 7 Unionsterritorien ist es selbst überlassen zu entscheiden, welche davon in ihrem Gebiet als offizielle Sprache(n) genutzt werden soll(en). So kommt es, dass einige Staaten mehr als nur eine offizielle Sprache haben. Das führt dazu, dass viele Inder zwei- oder sogar dreisprachig aufwachsen.

Das Britische Kolonialreich in Indien

Englisch wurde in Indien erstmals im Jahr 1611 vernommen, als die Britische Ostindien-Kompanie (British East India Company) am Hofe des Herrschers des Mogulreichs, Jahangir, aufschlug, um sich das Handelsrecht in Indien zu sichern.

Kennst Du die East Indian Company? Die Ostindien-Kompanie kommt auch in “Fluch der Karibik” vor. | Quelle: Pixabay

Die East India Company war ein privates Unternehmen, das Aktionären gehörte und einem Verwaltungsrat in London unterstand. Sie wurde gegründet, um mit den East Indies (das heutige maritime Südostasien) Handel zu treiben. Eigentlich begann die BEIC als rein wirtschaftliches Unternehmen. Schon bald schwang sie sich aber zu einer De-Facto-Regierung mit einer eigenen Armee und einem eigenen Rechtssystem empor.

Über ein Jahrhundert lang wuchs der Einfluss der Ostindien-Kompanie auf dem subindischen Kontinent stetig und im Jahr 1757 begann die BEIC eine militärische Expansion und machte sich dabei den Untergang des Mogulreichs zunutze. Während dieser Zeit war die Amtssprache der Kompanie-Regierung Englisch und das installierte Bildungssystem verwendete ebenfalls Englisch als Unterrichtssprache.

Im Jahr 1784 verabschiedete das Britische Parlament ein Gesetz, das der Britischen Regierung die direkte Macht über die Kompanie gab. In weniger als 30 Jahren eroberte die Britische Ostindien-Kompanie den Großteil Indiens sowie weitere Gebiete in Südostasien. Doch im Jahr 1857 begann ein großer Aufstand der indischen Soldaten innerhalb der Kompanie. Die Meuterei wurde von einem General angeführt, der unzufrieden war mit der britischen Herrschaft und dem rüden Verhalten gegenüber einigen reichen Indern nobler Abstammung.

Es gab einen Vorfall, der wahrscheinlich maßgeblich zur Auflehnung beigetragen hat: Die Neulieferung des Lee-Enfield-Gewehrs. Die Munition, die zusammen mit der Repetierbüchse geliefert wurde, war voller Schmierfett. Das Problem: Gerüchten zufolge war dieses Fett aus sowohl Schweine- als auch Rindertalg hergestellt worden. Da die Kartuschen mit den Zähnen aufgerissen werden mussten, lief die Praxis gleich zwei Glaubensgemeinschaften zuwider: denen der Soldaten, die dem Hindu-Glauben angehörten (denn für sie sind Kühe heilig) und denen der muslimischen Soldaten (für die das Schwein ein unreines Tier ist). Die Respektlosigkeit gegenüber den Überzeugungen und Glaubensrichtungen der Soldaten der Kompanie war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Im Jahr 1858, als die Rebellion niedergeschlagen worden war, löste das Britische Parlament, das verärgert war über das ungeschickte Vorgehen der Ostindien-Kompanie, diese auf und beschlagnahmte all deren Vermögenswerte. So begann die Zeit des Kolonialreichs Britisch-Indien.

Die Britische Krone kontrollierte Indien noch fast ein weiteres Jahrhundert lang, bis – wie bereits erwähnt – 1947 die Unabhängigkeit erlangt und der moderne Staat Indien gegründet wurde.

Obwohl nie sonderlich viele Briten in Indien lebten, wurde der Großteil der Geschicke, des Reichtums und der politischen Institutionen doch von Großbritannien gelenkt. England erlegte Indien Gesetze auf und gestaltete diese auch entsprechend niederträchtig, sodass die britische Herrschaft über den indischen Subkontinent nicht gefährdet wurde.

Während dieser Zeit war Englisch die Sprache der herrschenden Elite, die sowohl aus Briten als auch aus Indern bestand. Trotz der Loslösung Indiens von englischer Herrschaft blieb die Sprache der Briten eine der offiziellen Sprachen des Landes.

Der offizielle Status der Sprachen Indiens

Nochmal zur Erinnerung: Indien wurde 1947 unabhängig von Großbritannien. Doch die Verfassung wurde erst 1949 verfasst und trat dann am 16. Januar 1950 in Kraft.

Die damalige Verfassung wurde in zwei Versionen verfasst: auf Hindi und auf Englisch! Alle 284 Mitglieder der konstituierenden Versammlung Indiens mussten beide Versionen unterzeichnen.

Welche Sprachen stehen in der Verfassung Indiens? In der indischen Verfassung wurde Englisch zunächst nur als Übergangssprache definiert, es setzte sich aber als dauerhafte Amtssprache neben Hindi durch. | Quelle: Pixabay

Im Originaldokument war vorgesehen, dass Hindi die einzige Amtssprache Indiens ist, und Englisch nur als Übergangssprache für die folgenden 15 Jahre zusätzlich genutzt wird. Doch Bundesstaaten im Süden und Westen Indiens waren stark dagegen, dass Hindi die einzige Amtssprache der indischen Regierung wird. Dravidische Sprachen, die im Süden Indiens gesprochen werden (v.a. Telugu und Tamil) unterscheiden sich stark von der Indoarischen Sprache Hindi, was Grammatik, Wortschatz und Aussprache angeht.

Nach jahrelangen Kontroversen und politischen Unruhen in Bezug auf Hindi als einzige Amtssprache entschloss das indische Parlament, die Verfassung so anzupassen, dass auch Englisch nach Ablauf der 15 Jahre weiterhin Amtssprache bleiben würde. Der Official Languages Act von 1963 wurde ratifiziert.

Weitere Versuche, Englisch als Amtssprache abzuschaffen führten allerdings dazu, dass der indische Gesetzgeber im Jahre 1967 das Gesetz von 1963 abermals anpasste und folgende Ergänzung wurde hinzugefügt:


“Die Bestimmungen (aller Klauseln, die die Verwendung des Englischen garantieren) bleiben in Kraft, bis Beschlüsse über die Einstellung der Verwendung der englischen Sprache für die darin genannten Zwecke von den Gesetzgebern aller Bundesstaaten, die Hindi nicht als ihre Amtssprache angenommen haben gefasst wurden, und bis nach Prüfung der oben genannten Entschließung von jedem Parlament ein Beschluss über eine solche Einstellung gefasst wurde.”


Diese einfache Ergänzung zum Official Languages Act von 1963 bedeutete, dass es für die amtierende Partei jeweils schwierig werden würde, Englisch als Amtssprache abzuschaffen. Denn man bräuchte die Zustimmung der Parlamente von 19 der 29 indischen Bundesstaaten sowie 4 der 7 Indischen Territorien.

Englisch wird auch als Verkehrssprache zwischen Bundesstaaten genutzt, die nicht die gleiche offizielle Sprache haben. Und die Kommunikation zwischen Bundesstaaten und der Zentralregierung muss zwingend auch in der englischen Übersetzung vorliegen, selbst wenn sie im Original auf Hindi verfasst wurde.

Ein Grund, warum Englisch heutzutage immer noch so eine wichtige Rolle spielt in Indien, ist der Regionalismus des Landes. Die Bundesstaaten Arunachal Pradesh und Nagaland haben sich jeweils sogar für Englisch als einzige Amtssprache entschieden.

Außerdem ist Englisch in der weiterführenden Bildung, nationalem und internationalen Business sowie in einigen Teilen der Regierung weiterhin vorherrschend.

Seit einigen Jahren ist es für die jüngere Generation von grundlegender Bedeutung, fließende Englischkenntnisse (mündlich und schriftlich) im Lebenslauf stehen zu haben, wenn sie eine gute Arbeitsstelle in Indien finden wollen (und natürlich auch, wenn eine Zeit lang im Ausland studieren oder arbeiten oder ganz auswandern wollen).

Englischsprecher in Indien

Nur ca. 220.000 Menschen in Indien sind Englisch-Muttersprachler, aber rund 125 Mio. Menschen dort geben an, Englisch als Zweit- oder Drittsprache zu sprechen! Zum Vergleich: Das Vereinigte Königreich hat etwas mehr als 66 Mio. Einwohner.

Dass so viele Menschen in Indien Englisch und noch 1-2 weitere Sprachen sprechen, ist bei der Mehrsprachigkeit des Landes keine Überraschung (zur Erinnerung: Es gibt 23 offizielle Sprachen in Indien!). Es ist allerdings schwierig, das jeweilige Englischniveau der rund 1,3 Mrd. Inderinnen und Inder einzuschätzen. Wie in anderen Ländern auch, variiert dies natürlich stark je nach Bildungsstand, familiärem Hintergrund, Auslandserfahrung usw. (In Deutschland behaupten schließlich auch die meisten Personen, sie sprächen gut Englisch, aber wie unterschiedlich das ausfallen kann – selbst auf höchster politischer Ebene – haben wir sicher alle schon mal erlebt oder in YouTube-Videos demonstriert bekommen).

Eine gute Möglichkeit, das Niveau von Sprachkenntnissen einzuschätzen, sind natürlich verschiedene Sprachtests wie der TOEFL-Test, das Cambridge Certificate usw. Aber ein TOEFL-Test z.B. kostet ca. 160 € und das können sich in Indien nicht viele Leute einfach mal so leisten. (Der monatliche Durchschnittsslohn liegt bei rund 1.000 €).

In den letzten Jahren hat sich der Begriff “Indo-Anglians” herausgeprägt. Damit werden Personen mit indischen Wurzeln bezeichnet, die Englisch perfekt in Wort und Schrift beherrschen und diese als Erstsprache benutzen, selbst wenn ihre Muttersprache vielleicht nicht Englisch ist. Denkt nur mal an Rajesh Koothrappali aus The Big Bang Theory … Abgesehen vom englischsprachigen Ausland leben solche indoanglischen Familien meist in urbanen Regionen in und um die Metropolen Indiens, also Mumbai, Delhi, Bengaluru, Chennai, Pune, Hyderabad und Kalkutta. 

Diese Familien gehören in der Regel zu einer bessergestellten Oberschicht und haben meist eine internationale Schule besucht, auf der Englisch die Hauptunterrichtssprache war. In der Regel hält sich diese soziale Schicht der Indo-Anglians nicht so stark an religiöse und traditionelle Normen und kulturelle Traditionen, weil sie aber oft untereinander heiraten (also jemanden, der auch aus einer indoanglischen Familie stammt), werden sie vom Rest der indischen Gesellschaft fast schon als eigene Kaste angesehen.

Es gibt keine offiziellen Studien, die das belegen, aber der Trend englischsprachiger Familien in Indien scheint steil nach oben zu gehen, nicht zuletzt, weil zahlreiche Inhalte im Internet auf Englisch zugänglich sind und Englisch auch die wichtigste Handelssprache weltweit ist. Dies wird teilweise natürlich zulasten der regionalen Sprachen und Dialekte gehen, was zwar schade, aber irgendwie auch ein natürlicher Prozess ist.

Englisch oder “Hinglish“?

“She was bhunno-ing the masala-s_ jub_ phone ki ghuntee” bedeutet z.B. “She was frying the spices when the phone rang” (“Sie briet die Gewürze, als das Telefon klingelte.”). 

Die Sprache Hindi existiert in Indien schon seit über 1.000 Jahren! Englisch kam dagegen erst vor ca. 400 Jahren auf den indischen Subkontinent. Und wie immer, wenn zwei oder mehrere Sprachen aufeinandertreffen, beeinflussten sich die Sprachen gegenseitig und im Alltag wird oft eine Mischform verwendet: “Hinglish” (vgl. “Denglisch“).

Woher kennt man Hinglish? Auch dank Bollywood wurde “Hinglish” immer beliebter. | Quelle: Pixabay

Als Englisch im 19. Jahrhundert langsam zur weltweiten Lingua franca avancierte, wurde Hindi-Sprechern klar, dass sie international erfolgreicher sein würden, wenn sie auch Englisch lernten. Und so denken – wie bereits erwähnt – auch heute noch und immer mehr Menschen in Indien.

Hinglish soll im 17. Jahrhundert erstmals vorgekommen sein, als die Ostindien-Kompanie (s.o.) zum ersten Mal in Indien landete. Richtig beliebt und weitverbreitet wurde es allerdings erst rund zwei Jahrhunderte später, als es Eingang in die indische Popkultur gefunden hatte (über Popmusik, Bollywood-Filme usw.).

Da immer mehr Menschen im Alltag Hinglish sprachen, gibt es inzwischen sogar Hinglish-Kurse an manchen britischen Universitäten. Unternehmen sind ebenfalls daran interessiert, Personen einzustellen, die diese Hybridsprache beherrschen, um so neue Märkte zu erschließen.

Hinglish ist allerdings noch nicht als offizielle Sprache anerkannt und wird so natürlich auch nicht in Volkszählungen und statistischen Erhebungen erfasst. Deshalb ist es sehr schwer einzuschätzen, wie viele Hinglish-Sprecher es in Indien, aber auch weltweit, gibt. Manche Linguisten sind der Auffassung, dass diese Mischsprache eine der am schnellsten wachsenden auf der Welt ist!

Hinglish bedient sich verschiedener linguistische Phänomene wie Code-Switching sowie wörtliche und manchmal falsche Übersetzungen von einer Sprache in die andere. Außerdem gibt es natürlich extrem viele Lehnwörter und Anglizismen bzw. “Hindizismen”

Hier einige Beispiele:

  • Chuddies – underpants (Unterhose)
  • Airdash” – to go somewhere very quickly (schnell irgendwo hingehen)
  • Timepass” – to pass the time (Zeitvertreib)
  • Chaivanist – a person who is extremely fond of chai tea (jemand, der verrückt ist nach Chai)
  • Prepone” – wird als Gegenteil zu “postpone” = “verschieben” benutzt, also im Sinne von “vorverlegen”
  • Glassi” – thirsty (durstig)
  • Mera friend mera dimag kha raha hai” or “My friend is eating my brain out”, was so viel bedeutet wie “Mein Freund kaut mir ein Ohr ab”.

Na, hast Du Lust, noch mehr über Indien und die Sprachen Indiens zu lernen? Dann lies jetzt auch unsere anderen Artikel rund ums Thema Hindi lernen und tauche ein in diese faszinierende Welt! Tipp: Auf Superprof findest Du motivierte Sprachlehrer, die Dir beim Hindi-Lernen helfen werden!

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