„Es ist nicht schwer, zu komponieren. Aber es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen.“

– Johannes Brahms

In unserem westlichen Tonsystem gibt es innerhalb einer Oktave zwölf verschiedene Töne. Ein gesundes menschliches Ohr kann bis zu zehn Oktaven hören. Die menschliche Stimme umfasst durchschnittlich zwei, ein Klavier etwas mehr als sieben und die meisten Gitarren dreieinhalb Oktaven.

Das sind also ziemlich viele Töne und schier unendliche Kombinationsmöglichkeiten. Daraus ergeben sich Akkorde, Melodien, Riffs und Licks und, bei einer systematischen Aneinanderreihung, Tonleitern.

Zum Komponieren und Improvisieren sind vor allem die siebentönigen Dur- und Molltonleitern sowie die Pentatonischen Tonleitern auf der Gitarre interessant. Vielleicht hast Du aber auch schon einmal etwas von einer chromatischen Tonleiter gehört. Was das genau ist und warum man sie kennen muss, schauen wir und jetzt an.

Was ist die chromatische Tonleiter?

Die chromatische Tonleiter hört sich nicht schön oder melodisch an, hilft Dir aber dabei, Dein Gitarrengriffbrett kennenzulernen und zu verstehen, wie unser Tonsystem aufgebaut ist.

Wenn Du auf einem beliebigen Ton anfängst und dann in Halbtonschritten nach oben spielst, bis Du bei der Oktave des Anfangstons angekommen bist, hast Du eine chromatische Tonleiter gespielt.

Sie enthält also alle 12 Töne, die innerhalb einer Oktave vorkommen. Deshalb kann man sie auch keiner Tonart zuordnen – sie ist atonal.

Meistens fängt man auf einem C an; es kann aber genauso gut jeder andere Ton sein, ohne dass Du etwas anders machen müsstest. Zum Notieren einer chromatischen Tonleiter gibt es einige Regeln, die von dem jeweiligen Anfangston abhängen. Das musst Du aber nicht unbedingt wissen, um sie spielen zu können.

Der Unterschied zwischen einer chromatischen und einer diatonischen Tonleiter

Die chromatische Tonleiter ist die Aneinanderreihung aller Töne in Halbtonschritten.

Der Begriff „diatonisch“ besteht aus den griechischen Wörtern für „durch“ (dias) und „Töne“ (tonos) und wird gemeinhin mit „durch Ganztöne gehend“ übersetzt. Der Begriff ist etwas irreführend, da eine diatonische Tonleiter nicht nur aus Ganztonschritten besteht.

Diatonische Tonleitern bestehen aus sieben Tönen innerhalb einer Oktave. Es sind die „klassischen“ Tonleitern, von denen Du vielleicht schon einige kennst (zum Beispiel die Dur- oder Moll-Tonleitern). Sie bestehen aus fünf Ganzton- und zwei Halbtonschritten.

Von Ton zu Ton auf dem Gitarrengriffbrett kommt man in Halbtonschritten.
Auf dem Gitarren Griffbrett liegen die Töne in Halbtonschritten nebeneinander.| Quelle: Rebecca Swafford via Pexels

Die Position der Halbtonschritte sagt uns, um welche Art von Tonleiter es sich handelt: in einer Dur-Tonleiter befinden sie sich zwischen dem dritten/vierten und siebten/achten Ton, in natürlich Moll zwischen dem zweiten/dritten und fünften/sechsten Ton.

Eine diatonische Tonleiter ist also sozusagen eine Auswahl von Tönen der chromatischen Tonleiter nach einem bestimmten Muster.

Wie spielt man eine chromatische Tonleiter auf der Gitarre?

So unterschiedlich eine klassische Gitarre, eine Westerngitarre oder eine elektrische Gitarre klingen können, handelt es sich am Ende doch um das gleiche Instrument. Das Griffbrett ist immer gleich aufgebaut und eine Tonleiter, die Du einmal gelernt hast, kannst Du auch auf jeder anderen Gitarre spielen.

Die chromatische Tonleiter kann Dir dabei helfen zu verstehen, wie eine Gitarre funktioniert und wo sich welche Töne befinden.

Der Fingersatz für die chromatische Tonleiter

Die einfachste Variante, auf der Gitarre eine chromatische Tonleiter zu spielen, ist auf einer einzigen Saite zu bleiben. Schlag einmal die tiefe E-Saite leer an und spiel dann Bund für Bund nach oben, bis Du im zwölften Bund wieder bei einem E angekommen bist – schon hast Du’s geschafft.

Für die tatsächliche Spielpraxis, ist es aber hilfreicher, eine chromatische Tonleiter in einer Position über mehrere Saiten hinweg zu spielen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie das genau aussehen könnte. Ein klassischer Fingersatz für die chromatische Tonleiter ist „die Spinne“ – eine Übung, nicht nur für Anfänger*innen, die die Koordination von Greif- und Schlaghand fördert und Dir einen Überblick über die Einteilung Deines Gitarrengriffbretts bietet.

Der Fingersatz für das Üben der chromatischen Tonleiter auf der Gitarre.
Die Spinne: eine beliebte Tonleiter Übung auf der Gitarre.

In diesem Beispiel kommt der Anfangston A insgesamt dreimal vor. Es ist also eine chromatische Tonleiter über zwei Oktaven. Du kannst diesen Fingersatz nach Belieben über das Griffbrett verschieben und von jedem Ton aus anfangen, Du wirst immer eine chromatische Tonleiter über zwei Oktaven erhalten.

Die Position der Greifhand

Die menschliche Hand ist eigentlich nicht für das Gitarre spielen gebaut. Die Haltung der linken Hand fühlts sich erstmal unnatürlich an, es ist nicht ganz einfach die richtige Haltung zu wahren und manche Bewegungen scheinen erstmal unmöglich, ohne sich dabei die Finger zu brechen.

Wie andere Körperteile auch, haben Deine Finger Muskeln und Sehnen, die trainiert werden können. Die chromatische Tonleiter mit dem „Spinnen-Fingersatz“ zu spielen eignet sich dafür hervorragend. Es werden alle vier Finger benutzt und auch der oft vernachlässigte kleine Finger kommt zu seinem Training.

Beim Aufwärtsspielen der Tonleiter lässt Du die Finger liegen, bis Du die Saite wechselst. Damit trainierst Du nicht nur Deine Kraft, sondern vor allem auch die Dehnung der Hand, die notwendig ist, um weit auseinander liegende Bünde zu greifen.

Indem die Finger liegen bleiben, läufst Du nicht in Gefahr, Dein Handgelenk zu verdrehen, um besser zu den weiter entfernten Bünden zu kommen. So gewöhnen sich Deine Finger daran, unabhängig voneinander ihre Bewegungen auszuführen.

Versuche nicht zu viel Kraft aufzuwenden und passe vor allem darauf auf, dass die Hand nicht verkrampft. Am Anfang wird Dir das immer wieder passieren. Nimm Dir dann Zeit, die Verkrampfung wieder zu lockern, indem Du die Hand ausschüttelst oder Dir eine kleine Pause gönnst.

Zum Spielen werden nur die Fingerspitzen benötig, die ohne großen Kraftaufwand auf die Saiten aufgelegt werden. Die Finger sind dadurch leicht gebeugt und sollten auf keinen Fall die anderen Saiten berühren.

Die Schlaghand

Tonleitern auf der Gitarre üben ist auch immer ein Koordinationstraining für Schlag- und Greifhand. Spiele mit einem Plektrum und schlag die Saiten im Wechselschlag an.

Wähle zu Beginn ein langsames Tempo, um präzise spielen zu können. Nimm Dir dafür ein Metronom zu Hilfe. Wenn Du Dich sicher fühlst, kannst Du das Tempo Schritt für Schritt steigern.

Mit einem Metronom bleibst Du beim Tonleitern Üben im Takt.
Das Metronom ist hilft Dir bei allen Gitarren Übungen, Tonleitern und Songs. | Quelle: Pexeles

Auch bei der Schlaghand läuft man manchmal in Gefahr, sich zu verkrampfen. Besonders, wenn man im Spielen mit Plektrum noch nicht so geübt ist. Lege es locker zwischen Daumen und Zeigefinger, ohne zuzudrücken.

Übe lieber in regelmäßigen kleinen Einheiten als einmal die Woche zwei Stunden lang. Der Lerneffekt wird größer sein.

Am Anfang kann es schwierig sein, auf alles gleichzeitig zu achten. Wenn Du Gitarrenunterricht nimmst oder einen Online Gitarrenkurs via Webcam belegst, wird Dein*e Lehrer*in Dich dabei unterstützen und Dich, wenn nötig, korrigieren.

Wenn Du für Dich alleine zu Hause übst, kannst Du Dich vor einen Spiegel setzen und so die Haltung und Bewegung Deiner Hände überwachen. Wenn Dir das immer noch zu viel auf einmal ist, kannst Du Dich beim Üben filmen. Schaue Dir das Video nach jeder Übung an, werte es aus, spiele die gleiche Übung nochmal und versuche dabei, die Fehler des letzten Mals zu korrigieren.

Du suchst noch privaten Gitarrenunterricht? Schau doch mal au Superprof vorbei und finde Deinen idealen Lehrer in Deiner Stadt (z.B. Gitarrenunterricht Bremen).

Was bringt das Üben der chromatischen Tonleiter?

Gitarre zu lernen, heißt verschiedene Techniken kennenzulernen und zu üben, die später zum Spielen von unterschiedlichen Liedern nötig sind. Das geht vom Erlernen von Akkorden über Spieltechniken der linken Hand, bis zu musiktheoretischem Wissen, das das Improvisieren ermöglicht.

Das Üben der chromatischen Tonleiter hilft Dir in all diesen drei Bereichen weiter. Ob Du später Blues, Rock oder Jazz Manouche spielen willst, die Kenntnisse des Griffbretts, die Koordination zwischen Greif- und Schlaghand sowie die Fähigkeit zu improvisieren sind Grundlagen für alle Musikstile.

Sich mit der chromatischen Tonleiter einspielen

Wie vor dem Sport, muss sich auch vor dem Gitarre Üben Dein Körper auf das anstehende Training vorberietet werden. All die kleinen Muskeln in Deinen Fingern wollen gut und sorgfältig aufgewärmt sein, bis sie sich auf komplizierte Übungen einlassen können.

Bereite Dich sorgfältig auf das Üben vor:

  • Wenn Deine Hände kalt sind, solltest Du sie zuallererst aufwärmen. Ganz einfach indem Du sie aneinander reibst oder kurz an die Heizung oder eine warme Teetasse legst.
  • Lockere Deine Handgelenke, indem sie ausschüttelst und mit gefalteten Händen Kreisbewegungen ausführst.
  • Zum Dehnen kannst Du die Arme nach oben ausstrecken, die Handfläche der einen Hand ist nach oben gerichtet und mit der anderen ziehst Du die Finger sanft nach unten. Wiederhole diese Übung dreimal pro Arm.
  • Die Finger dehnst Du, indem Du mit Deinen Händen eine Raute bildest; nur die Fingerspitzen berühren sich. Jetzt spreizt Du langsam Deine Finger, bis Du ein leichtes Ziehen spürst. Verbleibe ein paar Sekunden in dieser Position und komm danach in die Ausgangsposition zurück.

Die letzte dieser Übungen kannst Du auch sonst immer mal wieder in Deinen Alltag integrieren: während einer Bahnfahrt, wenn Du bei einer Vorlesung mal nichts mitschrieben musst, beim Fernsehen…

Ein Plektrum erlaubt es Dir, die chromatische Tonleiter Übungen schneller und präziser zu spielen.
Mit der chromatischen Tonleiter kannst Du die Fingerfertigkeit beider Hände üben. | Quelle; Stock Snap via Pixabay

Wenn Du soweit aufgewärmt bist, kannst Du anfangen Dich einzuspielen. Die verschiedenen Tonleitern auf der Gitarre zu spielen eignet sich hervorragend dafür. Es werden alle Finger beansprucht, die Bewegungsabläufe sind aber noch sehr gleichmäßig und nicht besonders komplex.

Die chromatische Tonleiter als technische Übung

Die Spinne, die ich weiter oben erklärt habe, ist eine wunderbare technische Übung. Sie ist nicht besonders komplex, hat aber vielseitige Effekte für beide Hände.

Wenn Du beim einfachen Auf- und Abwärtsspielen der chromatischen Tonleiter sicher bist, kannst Du die Übung leicht verändern.

Die Positionen der Finger bleiben die gleichen, aber jetzt veränderst Du die Reihenfolge, wie Du sie einsetzt: 1-2-4-3 oder 1-3-2-4 und so weiter. Übe jede Kombination so lange, bis Du sie in einem schnellen Tempo präzise und sicher spielen kannst und wechsle dann erst zu der nächsten Variante.

Mit der chromatischen Tonleiter improvisieren

Die verschiedenen Tonleitern zu können, ist die Grundlage für Improvisationen.

Wenn Du die chromatische Tonleiter gut kennst, kannst Du sie dazu nutzen Deine Soli auszuschmücken. Du kannst beispielsweise die Töne der Tonart, in der Du improvisierst, mit anliegenden Halbtönen umspielen.

Auch wenn Du von einer Tonart in die andere wechseln willst, kann Dir die chromatische Tonleiter helfen eine schöne Überleitung zu bauen.

Damit Du so was ganz entspannt und ohne viel nachzudenken in Dein Spiel einbauen kannst, ist es wichtig, die chromatische Tonleiter auf der Gitarre wie im Schlaf herunterspielen zu können.

Übe geduldig und regelmäßig. Mit der Zeit werden Deine Finger von alleine wissen, was sie zu tun haben.

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Chantal

Die Entdeckungsreise des Lebens führte mich von Bern über Berlin in die Bretagne. Theater und Musik sind mein Zuhause, Neugier und Leidenschaft mein Antrieb.