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Nachhilfeunterricht in Südostasien: Wie viel Ehrgeiz ist gesund?

Von Christine, veröffentlicht am 09/10/2017 Blog > Privatunterricht > Nachhilfe suchen > Privatunterricht in Asien als Garant für den Schulerfolg

Japan, Singapur, Südkorea. Die Kinder dieser drei asiatischen Länder zählen – gemessen an den schulischen Leistungen – zu den besten Schülern der Welt.

Möchtest Du wissen, welche Faktoren diesen Erfolg erklären? Und welchen Einfluss Nachhilfe und privater Unterricht in diesem Teil der Welt auf die besondere schulische Leistung dieser Kinder und Jugendlichen haben?

Dann lies gerne weiter, denn Superprof erklärt Dir hier die wichtige Rolle von Förderkursen in der asiatischen Bildungslandschaft.

Die tragende Rolle der Nachhilfe in der asiatischen Leistungsgesellschaft

Die PISA-Studien der OECD sind internationale Untersuchungen der Schulleistung, die seit dem Jahr 2000 in dreijährlichem Turnus in den meisten Mitgliedstaaten der OECD und einer zunehmenden Anzahl von Partnerstaaten durchgeführt werden.

Sie sollen alltags- und berufsrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten der Fünfzehnjährigen auf der ganzen Welt messen.

Seit dem Jahr 2000 wird jährlich eine Rangliste der – gemessen an den Kriterien der PISA-Studie – erfolgreichsten Nationen erstellt.

Die letzte Studie aus dem Jahr 2015 wurde am 6. Dezember 2016 veröffentlicht und zeigt eine Rangfolge der verschiedenen Länder in den Bildungsbereichen Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften.

  • In Mathematik liegt Singapur mit 564 Punkten an erster Stelle, gefolgt von Hongkong (548 Punkte) und Macao (544 Punkte).
  • In den Naturwissenschaften besetzt ebenfalls Singapur den ersten Platz (556 Punkte), vor Japan (538 Punkte) und Estland (534 Punkte).
  • Bei der Lesekompetenz macht Singapur den Hattrick perfekt und führt die Liste mit 535 Punkten an. Auf Platz 2 folgen Hongkong und Kanada mit je 527 Punkten vor Finnland (526 Punkte).
  • Und Deutschland? In den Naturwissenschaften teilt sich Deutschland Platz 15 mit dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden. In der Lesekompetenz liegen wir auf Platz 10 und teilen uns diese Position mit Neuseeland und Macao. Und in Mathematik hat es Deutschland auf Platz 16 geschafft. Kein Vergleich mit den asiatischen Ländern…

Bei genauerer Betrachtung der Studie fällt außerdem auf, dass Japan und Südkorea immer unter den Top 10 der besten Nationen liegen – mit Ausnahme der Naturwissenschaften: Hier hat Korea mit Platz 11 die Top 10 aber auch nur knapp verfehlt.

Was erklärt diese Leistung?

Wenn wir uns das Bildungssystemen der asiatischen Länder ein wenig genauer anschauen, so ist erkennbar, dass außerschulischer Nachhilfeunterricht in all seinen Formen – Nachhilfe, Nachhilfe zu Hause, Privatunterricht, Hausaufgabenhilfe, … – ein Schlüsselfaktor für den Bildungserfolg in den asiatischen Ländern ist.

Allerdings werden wir später im Artikel sehen, dass dieser Erfolg zu einem enorm hohen Preis erkauft wird.

Die Menschen in diesen Ländern ordnen dem Erfolg fast alles unter: Sie arbeiten fast unmenschlich hart und bringen nicht nur finanzielle Opfer.

Ist der japanische Markt für Nachhilfe und Privatunterricht rückläufig?

In Japan gibt es schon lange Nachhilfe in privaten Instituten, den Juku. Nachhilfe im „Juku“ gehört in Japan wie selbstverständlich dazu. | Quelle: Visualhunt

Der Markt für Nachhilfe und privaten Unterricht ist in Japan in den „Juku“ schon lange eine feste Größe.

Im Land der aufgehenden Sonne sind die „Juku“ private Unternehmen, die Nachhilfe- oder Aufstiegskurse für Studenten anbieten. Zum Beispiel, wenn diese sich auf die Aufnahmeprüfung für eine Hochschule vorbereiten möchten.

Laut dem Artikel „School Support and Entry Competitions in Private Colleges in Japan“ entwickelte sich der Markt für Nachhilfeunterricht in Japan vor allem in den 1980er Jahren stark.

Seit 2002 ist er jedoch leicht rückläufig.

„Die Nachhilfe-Branche Japans, die 2011 einen geschätzten Umsatz von 899 Mrd. Yen oder rund 8,6 Mrd. Euro erwirtschaftete, ist besonders inhomogen und umfasst Schulen aller Größenordnungen, von einzelnen Unternehmen mit wenigen Schülern bis hin zu Juku-Franchisen mit Zehntausenden von Schülern.“

Die meisten japanischen Kinder und Jugendlichen lernen heute in zwei Einrichtungen gleichzeitig:

  1. In öffentlichen Einrichtungen, die vom Bildungsministerium zugelassen sind,
  2. und im Juku, wo sie ihre Kenntnisse vertiefen oder die Aufnahmeprüfungen für private Hochschulen vorbereiten.

Dieser Bildungsweg des doppelten Schulbesuchs ist in Japan noch immer der beliebteste Weg zu den besten Gymnasien und anschließend den besten Universitäten des Landes!

Der Privatunterricht-Champion ist Singapur

In Singapur besuchen bereits mehr als 90 Prozent der Grundschüler Nachhilfeunterricht und andere Privatkurse.

In diesem Stadtstaat mit nur 5,6 Mio. Einwohnern geben die Eltern pro Jahr schätzungsweise 680 Mio. Dollar aus, um ihren Kindern ausreichende Nachhilfe zu gönnen!

Andere Quellen schätzen, dass der Markt für Privatunterricht mehr als eine Milliarde Dollar pro Jahr schwer ist.

Gemessen an der Bevölkerungszahl, ist der Markt für Privatunterricht und Nachhilfe in Singapur etwa doppelt so groß wie in Japan.

Aufgrund dieser intensiven akademischen Betreuung liegt Singapur in den 3 untersuchten Kategorien des PISA-Wettbewerbs an erster Stelle.

Damit zählen laut OECD / PISA (siehe oben) die Schüler dieses südostasiatischen Stadtstaates zu den am besten ausgebildeten Schulabgängern der Welt!

Studieren in Singapur - der Garant für eine sehr gute Bildung? Junge Menschen in Singapur zählen in Sachen Bildung weltweit zur Spitze. | Quelle: Visualhunt

Eine der wichtigsten Prüfungen im Land ist die Primary School Leaving Examination (PSLE), die im Alter von 12 Jahren stattfindet.

Wichtiger als die Erfolgsrate ist, bei diesem Test eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen. Diese sichert den Zugang zu den besten weiterführenden Schulen des Landes.

Aber nicht nur das: Durch eine besonders hohe Punktzahl gelangt man in den sogenannten „Express-Stream“, der es ermöglicht, die weiterführende Schule, d.h. die Sekundarstufe in drei statt in vier Jahren zu absolvieren.

Dies wiederum bringt den Eltern der besonders leistungsfähigen Sprösslinge eine hohe finanzielle Einsparung bei den Bildungsausgaben.

(Nachhilfe-)Lehrer ist in Singapur ein angesehener Beruf mit guten Verdienstchancen

Da gibt es zum Beispiel die Geschichte von Antony Folk. Folk war Wirtschaftslehrer an einer öffentlichen Schule in Singapur.

Wegen der guten Erfolgsaussichten verließ er das staatliche Bildungssystem, um ein eigenes privates Nachhilfe-Unternehmen zu gründen.

Heute sind ehrgeizige Eltern bereit, bis zu 30.000 $ zu zahlen, um Antony Folk als Lehrer für ihren Nachwuchs zu bekommen!

Andere Lehrer haben sich an Folk ein Beispiel genommen und so gibt es in Singapur mittlerweile Nachhilfelehrer, die mit Privatunterricht bereits Millionen verdient haben.

Nachhilfekurse – ob Online NachhilfeEinzelunterricht zu Hause oder Gruppenkurse – sind in Singapur überall zu haben. Die Situation dort ist durchaus mit dem Nachhilfemarkt in Nordamerika oder Europa vergleichbar. So gesehen sind sich in Sachen Nachhilfe Berlin und Singapur recht ähnlich.

Südkorea: Lernen auf die Spitze getrieben

Südkorea ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, welche Bedeutung gute Bildung für den Lebensweg eines Menschen haben kann.

64 Prozent der jungen Menschen im Alter von 25 bis 34 Jahren hatten bis 2015 einen Universitätsabschluss in der Tasche. Der Durchschnitt in anderen OECD-Ländern liegt bei 39 Prozent, glaubt man diesem Artikel von Les Echos.

Jedes Jahr am zweiten Donnerstag im November hört das Land buchstäblich auf zu atmen. Es ist der wichtigste Tag für mehr als 600.000 südkoreanische Gymnasiasten.

Sie müssen an diesem Tag das Suneung, das Äquivalent zum deutschen Abitur, bestehen.

Denn ein bestandenes Suneung ist Voraussetzung für den Zugang zu einer der drei angesehensten Universitäten des Landes: Seoul, Korea oder Yonsei.

Südkoreanische Studenten lernen zwischen 15 und 20 Stunden pro Tag. Schüler und Studenten in Südkorea kennen nur eines: Lernen – oft mehr als 15 Stunden am Tag. | Quelle: Pixabay

Während des Sprachtests, für den u.a. auch eine Tonbandaufnahme angehört werden muss, zwingt die Regierung sogar die Flugzeuge, am Boden zu bleiben, um die Schüler beim Zuhören nicht zu stören!

Um die erforderliche Notenmarke von 500 Punkten zu erreichen, legt die Schule ein höllisches Tempo vor und unter den Schülern herrscht ein harter Wettbewerb.

Etwa fünfzehn Stunden und mehr lernen die Schüler täglich, aufgeteilt zwischen dem regulären Unterricht und den Kursen in den oft teuren „Hagwons“.

„Bildung in Südkorea wird in Sa-gyo-yuk und Gong-gyo-yuk unterteilt, in private und staatliche Ausbildung. Für Sa-gyo-yuk bezahlen die Eltern neben der Schule private Hauslehrer oder Unterricht in Lerninstituten (Hagwon). Aber auch der staatliche Unterricht, Gong-gyo-yuk, ist teilweise kostenpflichtig“,

so ein Artikel auf Zeit Online. Und weiter:

„Die Angebote der unzähligen Hagwon umfassen klassischen Nachhilfeunterricht sowie Kurse in Tanz, Sport, Schreiben, Malen oder Rhetorik für jede Altersstufe. Diese Freizeitangebote werden jedoch nicht zum Spaß angeboten, sondern dienen dazu, Pluspunkte für die spätere Jobsuche oder für die Suche nach einem guten Heiratskandidaten zu sammeln.“

Die Konsequenz: Viele südkoreanische Schüler sind chronisch müde und kurz vor dem Burn-out.

Der Fehler liegt in den infernalischen Leistungsanforderungen und dem brutalen Wettbewerb.

So werden die Noten und die Intelligenzquotienten südkoreanischer Schüler in Rankings schon ab der Vorschule öffentlich gemacht und begleiten die Schüler bis ins Studium.

Laut der Statistik des Korean National Statistical Office von 2012 erhalten 70 Prozent der Kinder in Südkorea Privatunterricht. Der Markt für Nachhilfeunterricht wurde kürzlich vom südkoreanischen Bildungsministerium auf 13 Mrd. Euro geschätzt.

77 Prozent aller SchülerInnen verbringen im Durchschnitt 10,2 Stunden zusätzlich zum normalen Schulunterricht in den Hagwon und die Familien geben durchschnittlich 800 US-Dollar monatlich für die private Schulbildung ihrer Kinder aus, sagt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Sehr teure Nachhilfekurse

Viele Familien in Asien sind gezwungen, für Nachhilfe, Hausunterricht und andere Privatstunden hohe Ausgaben zu stemmen.

Kein Wunder also, dass die Noten eines Schülers in Asien umso besser sind, je reicher seine Familie ist.

Die Ausgaben betragen nicht selten mehrere hundert Euro pro Monat pro Schüler. In einigen wohlhabenden Familien liegt das Budget bei 1.000 € pro Monat und Schüler.

Die OECD schätzt, dass japanische Haushalte in den letzten Jahren fast 12 Mrd. Dollar pro Jahr für „Juku“, für Nachhilfe und Privatunterricht, ausgegeben haben.

Allein in Hongkong (7,35 Mio. Einwohner) betrug das Volumen des Marktes für Nachhilfe 255 Mio. US-Dollar.

Eine ähnliche Situation bietet sich in diversen Staaten Mittel- und Südamerikas, wo Nachhilfe & Privatunterricht vor allem vom Geldbeutel der Eltern abhängen.

Die Kehrseite der Medaille

Der beinharte Wettbewerb zwischen den Schülern um die besten High Schools oder Universitäten des jeweiligen Landes hat aber auch eine gefährliche Schattenseite: Chronische Ermüdung trifft viele asiatische Studenten.

Grund sind neben dem hohen psychosozialen Leistungsdruck auch die 15 bis 20 (!) Stunden Lernzeit pro Tag. Südkorea hat weltweit die höchste Selbstmordrate unter den Kindern.

Vielen Unterrichtsstunden als Nachhilfe oder reguläres Studium führen zu chronischer Müdigkeit. Die Kinder und Jugendlichen sind chronisch müde, häufig dem Burn-out nahe, fühlen sich einsam, haben oft Angst. Für die Jagd nach den besten Noten zahlen sie einen unmenschlich hohen Preis: ihr Leben. | Quelle: Pexels

Der Kanadier John Michael McGuire unterrichtet schon seit Jahren Studenten in Korea.

Dem Philosophie-Professor fällt auf: Das koreanische Bildungssystem hemmt kritisches und kreatives Denken.

Riskiert das asiatische Bildungsmodell seine Jugendlichen? Und damit langfristig das Überleben der Gesellschaft?

Ein Artikel, der auf lactualite.com  veröffentlicht wurde, erzählt von einer wissenschaftlichen Studie aus Südkorea, die besagt, dass…

„…(s)üdkoreanische Teenager [..] die unglücklichsten unter allen in den OECD-Ländern (sind). Nicht weniger als jeder Fünfte gibt zu, dass er schon einmal über Selbstmord nachgedacht hat. Selbstmord ist seit 2011 die häufigste Todesursache unter den jungen Menschen Südkoreas – fast doppelt so tödlich wie Straßenverkehrsunfälle und viermal tödlicher als Krebs.“

Zahlen, die nachdenklich stimmen. Unmenschliches Leistungsdenken, Lemming-Prinzip…

Die reine Erholung ist demgegenüber das Entdecken des fast schon umgekehrten Phänomens des Marktes für Nachhilfe in Afrika oder die Situation für Schülerinnen & Schüler im Norden Europas, wo Private Nachhilfe quasi inexistent ist… Viel Spaß beim Lesen!

*

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