„Jazz ist nicht was Du machst, sondern wie Du es tust.“ Fats Waller

Viele große Jazz Musiker sind sich einig: Jazz ist vielmehr eine Einstellung, als ein Musikstil. Es ist vor allem die Geschichte eines ständigen Wandels. Im Laufe der Zeit bildeten sich viele verschiedene Formen heraus, die sich einerseits aufeinander beziehen, andererseits klar voneinander abgrenzen wollen.

Wenn Du Dich für Jazz Piano interessierst, macht es Sinn erstmal in die Geschichte des Jazz Piano einzutauchen. Das wird Dir dabei helfen zu verstehen, was Jazz ist und herauszufinden, in welche Richtung, Du selbst gehen möchtest.

In diesem Artikel möchte ich Dir einige Jazz Piano Songs vorstellen, mit denen Du Deine Entdeckungsreise starten kannst.

In einem ersten Teil werden wir uns Stücke von wichtigen Jazz Pianisten ansehen, die Jazzgeschichte geschrieben haben, den Stil und den Einsatz des Pianos darin nachhaltig geprägt haben.

In einem zweiten Schritt widmen wir uns dann einigen großen Jazz Standards ganz allgemein. Wenn Du anfangen willst Jazz Piano zu spielen, kommst Du um das Lernen von Standards nicht herum. Sie dienen häufig als Grundlage, wenn gemeinsam musiziert wird.

Die wichtigsten Jazz Piano Songs

Die Geschichte des Jazz Piano als Soloinstrument begann mit dem Ragtime, der eine sehr klare Struktur aufweist und kein Platz für Improvisation lässt. Bereits im Stride hatten Pianisten weitaus größere rhythmische und harmonische Freiheiten.

In den Swing Big Bands war das Klavier nicht nur Begleitinstrument. Manche Bandleader führten mit ihrem Pianospiel das ganze Orchester an. Der Modern Jazz begreift sich nicht als Unterhaltungs-, sondern als Kunstmusik und lässt den einzelnen Musikern Freiheiten in ihrer Ausdrucksweise, die im Free Jazz zum Höhepunkt kommen.

The Entertainer – Scott Joplin

The Entertainer ist ein Soloklavierstück, das 1902 von Scott Joplin geschrieben wurde und einer der bekanntesten Rags überhaupt. Die Originalversion ist technisch recht anspruchsvoll, es gibt aber zahlreiche vereinfachte Bearbeitungen, die auch für Klavier Anfänger lernbar sind. The Entertainer ist ein Musterbeispiel, um zu verstehen wie Rags aufgebaut sind.

Jelly Roll Blues – Jelly Roll Morton

Wahrscheinlich bereits im Jahr 1905 von Jelly Roll Morton geschrieben, aber erst zehn Jahre später veröffentlicht, gilt der Jelly Roll Blues als erste veröffentlichte Jazzkomposition. Im Aufbau erinnert er stark an einen typischen 12-Bar-Blues, der jedoch durch viertaktige Zwischenspiele unterbrochen wird.

Honeysuckle Rose – Fats Waller

Der Song, eine der ersten Swing-Nummern, wurde 1928 vom legendären Jazzpianisten Fats Waller komponiert, Andy Razaf schrieb den Text dazu. Honeysuckle Rose gehört bis heute zu den wichtigsten Jazz Standards überhaupt, der in unzähligen Versionen aufgenommen wurde und dessen Harmonieschema zur Grundlage für viele Stücke des Modern Jazz wurde.

Take the A Train – Billy Strayhorn

Take the A Train ist ein weiterer unumgänglicher Klassiker der Jazz Geschichte. Geschrieben wurde er 1939 von Bill Strayhorn, einem langjährigen Wegbegleiter Duke Ellingtons. Der Song wurde schließlich auch zum Erkennungsthema des Duke Ellington Orchestra. In der bekanntesten Aufnahme des Orchesters, spielt Duke Ellington eine viertaktige Einleitung auf dem Klavier, bevor die ganze Big Band einsetzt.

Satin Doll – Duke Ellington und Bill Strayhorn

Auch der Standard Satin Doll aus dem Jahr 1953 ist ein Ergebnis aus der Zusammenarbeit zwischen Duke Ellington und Bill Strayhorn. Angeblich komponierte Strayhorn den gesamten Song ausgehend von einem einfachen Riff, das ihm Ellington auf dem Klavier vorspielte. Satin Doll ist unter Musikern vor allem für die interessante Akkordfolge bekannt, die auf Variationen der Jazz typischen II-V Progression aufbaut.

Round Midnight – Thelonious Monk

Thelonious Monk ist einer der bedeutendsten Vertreter des Modern Jazz, nicht nur unter den Pianisten. Seine Komposition Round Midnight, gehört zu den meistgecoverten Songs der Jazz Piano Geschichte. Thelonious Monk selbst nahm verschiedenste Versionen mit unterschiedlichen Formationen, oder auch als Klaviersolo auf. Mit diesem Song kannst Du Dich lange beschäftigen, ohne Dich zu langweilen.

Waltz for Debby – Bill Evans

Der “Romantiker“ unter den Jazz Pianisten schrieb diesen Song für seine Nicht Debby Evans und nahm ihn 1956 als Klaviersolo erstmals auf. In einer zweiten Version von 1961 ließ er sich von Bass und Schlagzeug begleiten. Auch dieses musikalische Thema wurde von anderen Musikern oft weiterverarbeitet.

Ahmad’s Blues – Ahmad Jamal

Der Jazzpianist Ahmad Jamal arbeitete hauptsächlich im Trio mit Schlagzeug und Bass, die ihm die Grundlage für seine spannungsgeladenen und abwechslungsreichen Improvisationen lieferten: während einer süßlichen Ballade kann ganz plötzlich ein heftiges Gewitter ausbrechen; von geordnetem Rhythmus und nachvollziehbaren Harmonien, wechselt er übergangslos zu abstrakten Ausbrüchen. Mit den verschiedenen Versionen von Ahmad’s Blues kannst Du Dir einen ersten Eindruck darüber verschaffen.

Spain – Chick Corea

Mit dem Pianisten und Komponisten Chick Corea wenden wir uns dem Fusion zu. Das 1971 komponierte Stück Spain ist nicht nur Coreas bekanntestes, sondern wird als moderner Jazz Standard betrachtet. Die 1972 aufgenommenen Version eröffnet Chick Corea mit dem Thema eines spanischen Gitarrenkonzerts, worauf der mit Samba-Rhythmus unterlegte Hauptteil folgt.

Canteloupe Island – Herbie Hancock

Cantaloupe Island ist ein funkiger Jazzstandart aus dem Jahr 1964, der dem Modalen Jazz zugeordnet wird. Darunter versteht man eine Spielweise, die sich aus dem Cool Jazz entwickelte und den Übergang zum Free Jazz einleitete. Hancock selbst nahm den Song über viele Jahre hinweg immer wieder auf und probierte sich an ihm aus. In immer neuen Bestzungen hauchte er Cantaloupe Island immer wieder frischen Atem ein.

Jazz Standards für das Klavier

Standards sind häufig die Basis für Jam Sessions. Wenn alle beteiligten Musiker*innen den Ablauf, die Akkordfolge und vielleicht noch die Melodie kennen, kann sofort drauflosgespielt werden. Wenn Du Jazz auf dem Klavier spielen und Improvisieren lernen willst, wirst Du wahrscheinlich auch erstmal auf bekannte Songs zurückgreifen, für die es Leadsheets und Backingtracks im Internet gibt.

Vieles, was Du in der Theorie lernst, kannst Du an Hand von Standards üben und festigen; denn sie haben oft typische Abläufe und Akkordfolgen. Außerdem wurden sie bereits in vielen unterschiedlichen Versionen aufgenommen.

Autumn Leaves

Die erste Jazzinterpretation von Autumn Leaves entstand in den frühen 50er Jahren. Im darauffolgenden Jahrzehnt wurde es zu einem der meistgespielten Jazzstandards. Seither sind zahlreiche Instrumentalversionen und Gesangsinterpretationen veröffentlicht worden und Autumn Leaves gehört zum Repertoire fast aller Jazzmusiker*innen.

Komponiert wurde es 1945 von Joseph Kosma, der ursprünglich französische Text ist ein Gedicht von Jacques Prévert. Als die englische Übersetzung dem Song zu weltweiter Bekanntheit verhalf, war Les Feuilles Mortes bereits ein Klassiker des französischen Chansons.

Blue Bossa

Blue Bossa ist ein Instrumentalstück des Jazz-Trompeters Kenny Dorham, das auf einem Bossa Nova Rhythmus basiert. Die jazztypische II-V-I Akkordprogression wird von C-Moll zu Db-Dur und wieder zurück moduliert. Blue Bossa gehört zu den Jazz Songs, die selten bei einer Jazz Jam Session fehlen.

Fly Me to the Moon

Die wahrscheinlich bekannteste Version dieses Klassikers stammt von Frank Sinatra. Daneben gibt es aber hunderte weitere Interpretationen in verschiedenen Musikrichtungen. Ein guter Grund sich mit diesem Song zu beschäftigen, ist nicht nur seine Bekanntheit, sondern auch die harmonischen Eigenheiten. Gleich zu Beginn hören wir eine sogenannte Quintfallsequenz, die Dir auch in vielen anderen Jazzstandards, sowie bekannten Rock- und Popsongs begegnen wird.

So What

Mit So What sind wir wieder bei einem Instrumentalstück, das von Profimusikern genauso wie von Amateurbands gespielt wird. Die Komposition von Miles Davis wurde zum Inbegriff des Modalen Jazz.  Das Album Kind of Blue, auf dem der Titel das erste Mal veröffentlicht wurde, ist das kommerziell erfolgreichste Jazz-Album aller Zeiten.

How High the Moon

Dieser Song war ursprünglich Teil einer Broadway-Revue. Kurz nach der Uraufführung veröffentlichte Benny Goodman gemeinsam mit der Sängerin Helen Forrest eine eigene Version, die ein großer Erfolg wurde. Durch die komplexe Akkordfolge wurde How High the Moon auch für den Bebop interessant und so oft neuinterpretiert, dass der Song den Übernamen „Hymne des Bop“ bekommen hat.

Corcovado

Corcovado ist ein Bossa-Nova-Stück, das mit englischem Text (teilweise auch unter dem Titel Quiet Nights) zu einem Klassiker des Jazz wurde. Geschrieben wurde er von dem brasilianischen Komponisten Antônio Carols Jobim. Auch sein bekanntester Song The Girl from Ipanema taucht auf fast jeder Jazz Standard Liste auf.

All the Things You Are

Kommen wir zu einem weiteren Song, der seinen Ursprung am Broadway hatte. All the Things You Are wurde 1939 für das Musical Very Warm for May geschrieben. Dem Musical selbst war zwar kein Erfolg, der Song wurde aber ein Hit und einem Standard im Swing und Modern Jazz. Die romantische Ballade führt durch verschiedene Tonarten und die Melodie hält einige Überraschungen bereit.

Diese Liste erhebt keines Falls den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll Dir einen ersten Eindruck geben, wie vielseitig Jazz ist und was es alles zu entdecken gibt.

Von jedem der aufgelisteten Songs gibt es zahlreiche, teilweise sehr unterschiedliche, Aufnahmen. Höre Dir möglichst viele davon an! Du wirst schnell verstehen, wie wichtig im Jazz die Interpretation der einzelnen Musiker*innen ist und wie viele Farben aus ein und demselben Song hervor gezaubert werden können.

Auf der Suche nach einer Lehrkraft für Klavier?

Dir gefällt unser Artikel?

5,00/5 - 1 vote(s)
Loading...

Chantal

Die Entdeckungsreise des Lebens führte mich von Bern über Berlin in die Bretagne. Theater und Musik sind mein Zuhause, Neugier und Leidenschaft mein Antrieb.