Was ist Jazz? Diese Frage ist kaum zu beantworten; denn Jazz hat viele Gesichter. Seit den Anfängen vor knapp 150 Jahren, hat sich der Stil immer wieder neu erfunden.

Wenn Du Dich entscheidest, Jazz Piano zu lernen, begibst Du Dich in eine Welt von unglaublicher Vielfalt. Du wirst unterschiedlichen Jazz Formen begegnen, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben und Musiker*innen entdecken, die in ihren Interpretationen oder Kompositionen immer auf der Suche nach Neuem sind.

Jazz ist keine geschriebene Musik, wie zum Beispiel Klassik, die ganz klar in Noten festgehalten wird. Es geht vielmehr darum, im Moment etwas entstehen zu lassen; als Solist oder gemeinsam mit anderen Musiker*innen. Jazz ist eine Ausdrucksweise. Um selbst Jazz spielen zu können, muss man erstmal viel Jazz hören.

Aber ganz ohne Theorie Unterricht geht es leider trotzdem nicht. Es gibt einige theoretische Grundlagen, die Du Dir aneignen kannst, um Dir den Einstieg, auch ohne Klavierunterricht und Lehrbuch zu erleichtern.

Aber fangen wir nochmal von vorne an und gehen Schritt für Schritt voran. Ich möchte Dir in diesem Artikel erklären, wie Du den perfekten Einstieg ins Jazzpiano lernen findest.

Woran erkennt man Jazz?

Wie bereits gesagt, ist eine genaue und umfassende Definition von Jazz kaum möglich. Jedoch gibt es einige Merkmale, die typisch sind und Dir zumindest eine Idee geben können.

  • Improvisation: Improvisiert wird im Kollektiv oder abwechslungsweise als Solisten. In der Regel gibt es ein Leadsheet, auf dem der Ablauf und die Akkordfolge festgehalten ist. Die einzelnen Musiker*innen improvisieren darüber eine ganz neue Melodie, oder Variationen des Themas. Im Jazz sind die Persönlichkeit und Ausdrucksweise der Interpret*innen wichtiger als die Komposition an sich.
  • Jazzharmonik: Im Gegensatz zu Klassik, Pop oder Rock basiert Jazz nicht auf Dreiklängen, sondern auf Vierklängen, die häufig alteriert oder erweitert werden.
  • Swing: Das typische Jazzfeeling entsteht durch den Swing. Das heißt, es wird nicht straight (gerade) gespielt, sondern es gibt leichte Verzögerungen. Eine Basis dafür ist der Shuffle-Rhythmus, wie er auch im Blues gespielt wird. Dazu kommt der Offbeat; das heißt, dass (zum Beispiel in einem Viervierteltakt) der zweite und vierte Schlag betont werden.

Neben dem Shuffle-Rhythmus finden wir im Jazz ein weiteres Erbe des Blues: Blue Notes. Dabei handelt es sich, vereinfacht gesagt, um Töne, die etwas zu tief intoniert werden und sich damit zwischen einem großen und einem kleinen Intervall befinden. Angewandt wird dies bei der Terz, der Quinte und der Septime einer Skala.

Da es auf dem Klavier nicht möglich ist, die Tonhöhe einer angeschlagenen Taste zu verändern, behilft man sich dadurch, dass man zwei nebeneinanderliegende Töne fast gleichzeitig anschlägt (den tieferen zuerst).

Im Jazz spielt man oft im Trio oder Quartett.
Improvisation geschieht nicht nur auf dem Jazzpiano, sonder auch in der Gruppe. | Quelle: Alex Zamora via Unsplash

Jazz hören lernen

Um Jazz selbst spielen zu können, braucht man, noch vor der Technik, ein Gefühl dafür; für die Rhythmik genauso wie für die Harmonien und die Soli. Das kann man nur auf einem Weg entwickeln: viel Jazz hören.

Du kannst Dir erstmal eine Liste aus bekannten Jazz Songs für Piano zusammenstellen, um einen Einstieg zu finden. Diese kannst Du dann Schritt für Schritt erweitern, je nach Deinen Interessen und Deinem Geschmack.

Nimm Dir immer wieder Zeit zum aktiven Musikhören. Das bedeutet, dass Du in dem Moment nichts anderes machst, Dich nur auf den Song konzentrierst und versuchst, ihn zu entschlüsseln.

In einem ersten Schritt achtest Du dabei nur auf die Struktur des Songs. Wie viele unterschiedliche Teile hat er? Wie oft und in welcher Reihenfolge werden sie wiederholt?

Viele Jazz Standards bestehen aus einem A und einem B Teil, bei manchen kommt noch ein C Teil dazu. Am häufigsten wirst Du die Formen A-A-B-A (zum Beispiel in Take the A Train) und A-B-A-C finden (zum Beispiel in How High the Moon).

Die verschiedenen Teile kannst Du an Hand der Akkordfolgen oder auch der Melodie (wenn nicht improvisiert wird) erkennen und unterscheiden.

Danach versuchst Du herauszufinden, wie viele Takte die einzelnen Teile haben. Besonders bei älteren Standards findet man häufig 32-taktige Formen oder das typische Blues Schema aus 12 Takten.

Bekannte Jazz Alben hören, wird Dein Gefühl für den Stil verbessern.
Ob als Autodidakt oder mit Klavierunterricht: Musik hören ist immer Teil des Lernens. | Quelle: Mick Haupt via Unsplash.

Um den Swing in Deinen Körper zu bekommen, kannst Du Dir angewöhnen, beim Musikhören mit zu schnippen. Achte dabei auf den Offbeat. Wenn Du Dich einmal daran gewöhnt hast und Dich nicht mehr groß konzentrieren musst, wirst Du bereits ein sehr gutes Gefühl für die Leichtigkeit des Swing haben.

In einem weiteren Schritt kannst Du probieren, die weiteren rhythmischen Unterteilungen zu verstehen; zum Beispiel indem Du die Achtel mitklatschst.

Die Achtel sind in der Regel ternär. Während binäre Achtel gleichmäßig auf eine Viertelnote verteilt sind, ist bei ternären Achteln der erste etwas länger. Du kannst Dir das so vorstellen, dass es eigentlich eine Triole ist, von der Du aber nur die erste und letzte klatschst.

Höre Dir auch möglichst viele verschiedene Versionen eines jeden Songs an. Du wirst erstaunt sein, wie unterschiedlich sie zum Teil klingen.

Jazz Akkorde für Piano

Wie bereits erwähnt, haben viele Jazz Standards einen ähnlichen Aufbau (z.B. 32 Takte A-A-B-A). Dieses Thema wird einmal durchgespielt, im Anschluss wir über dieselbe Form improvisiert (wie lange hängt unter anderem von der Anzahl Solisten ab) und schließlich das Stück wieder mit dem Thema abgeschlossen.

In der Begleitung wird also die Akkordfolge des Stücks mehrmals wiederholt. Damit das nicht irgendwann langweilig wird, kann man verschiedene Varianten eines Akkords spielen – sogenannte Voicings.

Ein Akkord muss nicht immer in der Grundstellung gespielt werden. Um ihn interessanter zu gestalten, kann man die darin vorkommenden Töne unterschiedlich anordnen. Auf dem Klavier bietet sich das oft schon nur dadurch an, dass in einer Akkordfolge Umkehrungen einfacher zu greifen sind.

Im Jazz werden aber nicht nur Septakkorde gespielt, sondern auch alterierte und erweiterte Akkorde. Was bedeutet das? In alterierten Akkorden werden einzelne Töne verändert (um einen Halbton erhöht oder erniedrigt), in erweiterten Akkorden werden weitere Töne hinzugefügt.

Ob in der Improvisation oder nach Noten gespielt, Akkorde sind die Grundlage für Klavier Musik.
Mit der linken Hand Akkorde spielen, mit der rechten Hand eine Melodie - viele Arten von Musik werden so auf dem Klavier gespielt. | Quelle: Massimo Sartirana via Unsplash

Letztere entstehen so, dass auf den Vierklang (Grundton, Terz, Quinte, Septime) weitere Terzen aufgeschichtet werden, die sich nun naturgemäß oberhalb der Oktave befinden. Es kann sich dabei also um die None (9), Undezime (11) oder Tredezime (13) handeln.

Diese entsprechen der oktavierten Sekunde, Quarte und Sexte. Auch unoktaviert können diese Töne (nach bestimmten Regeln) dem Akkord hinzugefügt werden. Alle diese Akkorde erzeugen eine klangliche Spannung, die nach Auflösung strebt.

Notiert wird das, indem die Zahl der entsprechenden Stufe dem Akkordsymbol hinzugefügt wird. Alterierte Akkorde kannst Du daran erkennen, dass vor einer Zahl ein # oder b geschrieben steht. Damit weißt Du, welcher Akkordton einen Halbton höher, beziehungsweise tiefer gespielt werden muss.

Bei mehr als vierstimmigen Akkorden muss die reine Quinte nicht mehr unbedingt mitgespielt werden. Sie hat keine prägende Funktion für den Akkord, macht ihn aber kräftiger. Die Entscheidung, ob sie gespielt wird, hängt davon ab, welcher Gesamtklang mit einem Akkord erzeugt werden soll und kann individuell sehr unterschiedlich ausfallen.

Jazz Akkordfolgen

Um Jazz Akkordfolgen zu verstehen, braucht man schon einiges an musiktheoretischem Basiswissen. Wenn Dir das noch fehlt, empfehle ich Dir mit dem Kennenlernen von Dur- und Moll-Tonleitern, dem Aufbau von Akkorden und schließlich mit dem Thema Stufenakkorde anzufangen.

Die typischste Jazz Akkordfolge ist die 2-5-1-Verbindung in Moll oder Dur. Sehr häufig wird auch nur der Ausschnitt 2-5 verwendet und durch verschiedene Tonarten hindurchgeführt.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Standard Autumn Leaves. In den ersten vier Takten hören wir eine 2-5-1 Verbindung in Dur, darauf folgt während vier Takten dieselbe Akkordfolge in der parallelen Moll Tonart. Diese Grundstruktur wird für die weiteren 16 Takten des Stücks mit einigen Variationen beibehalten.

Die Übergänge zwischen zwei Teilen eines Stücks werden häufig mit Turnarounds ausgeschmückt, oder besser gesagt: vorangetrieben.

Ein Turnaround ist eine kurze Akkordfolge, die rhythmisch und harmonisch wieder zum Anfang des Schemas (oder eben zum nächsten Teil) hinleitet. Mit der Zeit haben sich im Jazz einige typischen Turnarounds etabliert.

Der beliebteste darunter ist die 1–6–2–5 Verbindung. Hierbei handelt es sich um eine Akkordfolge im Quintfall. Das heißt, von einem Akkord zum nächsten wird der Grundton eine Quinte tiefer. Darauf aufgeschichtet sind die Akkordtöne der jeweiligen Stufenleiter.

Als Jazz Piano Anfänger musst Du den theoretischen Hintergrund noch nicht unbedingt genau verstehen. Diese Beispiele sollen Dich vielmehr dazu motivieren, Dich mit Harmonielehre auseinanderzusetzten. Denn schlussendlich erleichtert sie Dir die Kommunikation mit anderen Musiker*innen und Du wirst auch Stücke leichter auswendig lernen können, wenn Du ihren Aufbau verstehst.

Weitere Tipps für Jazz Piano Anfänger

Der Einstieg in den Jazz am Klavier gelingt am besten durch Zuhören und das Aneignen einiger theoretischer Grundlagen. Aber auch das Klavier spielen selbst darf natürlich nicht zu kurz kommen!

  • Lerne nicht nur trocken Theorie, sondern probiere das Gelernte immer gleich aus, um es zu verinnerlichen.
  • Lerne die wichtigsten Jazz Standards (nicht nur von Jazz Pianisten) nachzuspielen.
  • Trenne die Lernschritte. Konzentriere Dich einerseits nur auf die Akkordfolgen. Andererseits kannst Du das Melodiespiel und Improvisieren lernen, indem Du einen Backingtrack mitlaufen lässt.
  • Trau Dich, Fehler zu machen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Gerade im Jazz ist das Gefühl so wichtig, dass Du es nur durch ausprobieren lernen kannst.

Wenn ein Buch zum Jazz Piano lernen suchst, empfehle ich Dir das „Jazz Piano Buch“ des Pianisten Mark Levine. Dabei handelt es sich um ein gut strukturiertes und umfassendes Standardwerk auf dem Gebiet.

Zum Erlernen von Songs, die Jazz Geschichte geschrieben haben, kannst Du sogenannte Real Books zu Hilfe nehmen. Eine große Auswahl an Noten für verschiedene Niveaus findest Du bei dem Herausgerber Leonard Hall.

Wenn Du Klavierunterricht nimmst, wird Dir Dein Klavierlehrer bestimmt noch weitere Tipps zum passenden Lehrbuch geben können.

Worauf wartest Du noch? Viel Spaß beim Hören und Ausprobieren!

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Chantal

Die Entdeckungsreise des Lebens führte mich von Bern über Berlin in die Bretagne. Theater und Musik sind mein Zuhause, Neugier und Leidenschaft mein Antrieb.