Jazz ist kein Musikstil, den man einfach durch nachspielen von geschriebenen Noten spielen lernen kann. Es ist vielmehr eine Reise durch eine ganz eigene Welt, mit einer bewegten und abwechslungsreichen Geschichte.

Um Jazz Piano spielen zu lernen, muss man zuallererst wissen, was das überhaupt bedeutet und viel Jazz hören.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir einen Guide zusammengestellt, indem wir Dir einen kleinen Überblick über die Geschichte des Jazz Pianos geben, Dir einige bekannte Jazz Pianisten, die den Stil geprägt haben sowie eine Auswahl an Jazz Piano Songs und Jazzstandards vorstellen.

Zum Abschluss geben wir Dir einen kleinen Einblick in die musikalischen Grundlagen und Tipps für den perfekten Einstieg.

Die Geschichte des Jazz Piano

Die Ursprünge des Jazz liegen bei den sogenannten Marching Bands, die Elemente aus der europäischen und der westafrikanischen Musiktradition verschmelzen ließen. Dieser „archaische Jazz“ wurde überwiegend mit Blasinstrumenten gespielt. Daraus entstanden Jazz-Formen wie der New Orleans Jazz oder Dixieland.

Das Klavier tritt wenig später im Ragtime in Erscheinung, der musikalische Mittel Marching Bands aufnimmt, aber am Solo-Klavier und später in kleineren Bandformationen gespielt wurde. Daraus entwickelte sich die Technik des Stride-Piano; ein Klavierstil der mehr Freiheiten zum Improvisieren lässt und technisch anspruchsvoll zu spielen ist.

Der Stride wurde schließlich auch die vorherrschende Spielweise im Swing. In Folge der Wirtschaftskrise haben sich kleinere Formationen zu großen Big Bands zusammengeschlossen, die unter der Leitung eines Band-Leaders klar vorgegebene Arrangements spielten. Spätestens mit dem Swing ist der Jazz im Mainstream angekommen.

Als Gegenreaktion darauf entwickelte sich der Bebop, der Vater des Modern Jazz. Die Harmonien und Akkordfolgen wurden komplexer, die Improvisation gewann an Bedeutung. Die Experimentierfreude und Ausdrucksweise der einzelnen Musiker steht im Zentrum des Bebop, wie auch seiner direkten Nachfolger Cool Jazz und Hardbop.

Die Freiheiten fanden ihren Höhepunkt im Free Jazz. Die Hierarchie zwischen den Instrumenten, die vorgegebenen Harmonien und klare Rhythmik wurden endgültig aufgehoben und die kollektive Improvisation in den Mittelpunkt gestellt.

Mit dem Fusion wurde der Jazz elektrisch. Anstelle des Klaviers hört man hier eher Keyboards und Synthesizer; manchmal auch E-Pianos und E-Orgeln. Der Fusion, auch Jazzrock, prägte nicht nur die weitere Entwicklung des Jazz, sondern auch des Rock und Funk.

Bekannte Jazz Pianisten

Die Geschichte des Jazz wäre ohne herausragende und vor allem innovative Musiker, die dem Stil immer wieder eine neue Richtung gegeben haben, nicht denkbar. Darunter finden sich auch einige Jazzpianisten.

Manche davon haben den Grundstein für einen radikalen Richtungswechsel im Jazz gelegt, andere haben begonnen Entwicklungen vollendet und auf die Spitze getrieben. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Pianisten, die dem Klavier einen neuen Stellenwert in den Orchestern und kleineren Formationen gegeben und damit deren Klangcharakter maßgeblich verändert haben.

  • Scott Joplin: Er legte als einer der wichtigsten Ragtime-Komponisten den Grundstein für die Etablierung des Klaviers im Jazz.
  • Jelly Roll Morton: Ein Pianist, Komponist und Arrangeur des New Orleans Jazz, der das Klavier auch als Soloinstrument einsetzte und auch hinsichtlich von Tonaufnahmen neue Maßstäbe setzte.
  • James P. Johnson: Der Vater des Stride-Pianos, der die Möglichkeiten des Instruments voll ausschöpfte.
  • Fats Waller: Er brachte das Stride-Piano zu einem Höhepunkt und machte es zu einem der führenden Stile des Swing. Mit einem feinen rhythmischen Gespür, einer energiegeladenen Bühnenpräsenz und beeindruckenden Gesangsstimme, ist er einer der wichtigen Persönlichkeiten der Jazz Geschichte.
  • Art Tatum: Bis heute gilt er als einer der besten Pianisten aller Zeiten. Als großer Virtuose war er der Vollender vorangegangener Entwicklungen und bereitete den Boden für den Modern Jazz.
  • Earl Hines: Im Zusammenspiel mit Louis Armstrong entwickelte er eine neue Spielweise, die dem Klavier zu einer gleichberechtigte Stellung neben der Solo Trompete verhalf.
  • Count Basie: Bekannt ist er hauptsächlich als Bandleader. Seine minimalistische Spielweise, war aber stets wirkungsvoll und konnte sich gegen den Klang eines ganzen Orchesters durchsetzen.
  • Duke Ellington: Er selbst sagte, dass nicht das Klavier, sondern das Orchester sein Instrument sein. Trotzdem verdient er Beachtung als Pianist, da er gekonnt vom Piano aus die ganze Big Band zu führen wusste.
  • Bud Powell: Eine der führenden Figuren in der Entwicklung des Bebop. Vor allem im Bereich der Jazzharmonik gilt er als wichtiger Erneuerer.
  • Thelonious Monk: Mit eigenwilligen und originellen Improvisationen, dem Bruch mit konventioneller Rhythmik und einer Vorliebe für Disharmonien ist er einer der prägendsten Pianisten des Modern Jazz.
  • Bill Evans: Wie kein anderer schaffte er es die reichen Jazz-Akkorde so differenziert und subtil zu spielen, dass eine ganz neue Klangerfahrung möglich wird.
Die Liste bekannter Jazz Pianisten ist lang.
"Das Jazzpiano" gibt es nicht, jeder Jazz Pianist bringt seine eigene Note mit. | Quelle: Keighla Exum via Unsplash
  • Cecil Taylor: Einer der Innovatoren des Free Jazz, der ständig auf der Suche nach neuen musikalischen Formen war.
  • Herbie Hancock: Ein musikalisches Chamäleon, dem man in verschiedenen Jazz Formen begegnet. Den größten Einfluss hatte er aber als Vorreiter und Vorantreiber des Fusion.
  • Chick Corea: Ein weiterer Mitbegründer des Jazzrock, der genauso im Post-Bop, Latin Jazz, Free Jazz und der Klassik zu Hause ist.
  • Keith Jarret: Legendär sind seine fast endlosen, ausschweifenden Improvisationen, die auf zahlreichen Konzertaufnahmen dokumentiert sind.
  • Oscar Peterson: Ihn kann man zwar nicht als Mitbegründer einer Entwicklung bezeichnen, jedoch hat er als Jazz Interpret eine so wichtige Bedeutung, dass er auf keiner Jazz Pianisten Liste fehlen darf.

Eine Liste bekannter und bedeutender Musiker kann nie vollständig sein. Sehe sie als eine Einladung, in den Stil einzutauchen und daraufhin auf eigene Faust, den Reichtum des Jazz zu erkunden.

Jazz Piano Songs, die Du kennen solltest

Noch schwieriger als eine Liste mit bekannten Pianisten zusammenzustellen, ist die Auswahl von Songs, die für einen bestimmten Musikstil wichtig sind.

Gerade der Jazz ist geprägt von vielen Entwicklungen, die immer wieder Neues hervorgebracht haben. Da ein wichtiges Stilelement die Improvisation ist, wirst Du zu jedem Song viele verschiedene Versionen finden, die von ein und demselben Musiker stammen.

Ich möchte Dir hier einige Jazz Piano Stücke, so wie Kompositionen von Pianisten für größere Formationen vorstellen, die die Geschichte des Jazz Piano zumindest skizieren sollen.

  • The Entertainer: Der bekannteste Rag; sozusagen ein Wegbereiter für die folgende Entwicklung des Jazz Piano.
  • Jelly Roll Blues: Wahrscheinlich die erste veröffentlichet Jazzkomposition.
  • Honeysuckle Rose: Eine der ersten Swing Nummern, die zu einem unumgänglichen Jazz Standard wurde.
  • Take the A Train: Das Erkennungsthema des Duke Ellington Orchestra.
  • Satin Doll: Ein weiterer Duke Ellington Klassiker, der vor allem für die interessante Variation der Jazz typischen II-V Akkordprogression bekannt ist.
  • Round Midnight: Einer der meist gecoverten Songs der Jazz Geschichte, ein wandelbares Monument des Bebop.
  • Waltz for Debby: Als Solostück oder im Trio, eine zeitlose Jazz Ballade.

  • Ahmad’s Blues: Je mehr Aufnahmen man von diesem Song vergleicht, umso spannender wird’s – ein wunderbares Beispiel für die Improvisationskunst des Pianisten Ahmad Jamal.
  • Spain: Ein modernen Jazz Standard aus dem Fusion. Von spanischem Gitarrenkonzert bis Samba-Rhythmen ist alles dabei.
  • Canteloupe Island: Ein eingängiges Beispiel für modalen Jazz, an dem Du die Verwandtschaft zwischen Fusion und Funk heraushören kannst.

Gleichzeitig gibt es unzählige Standards, die nicht explizit Klavier Stücke sind, aber häufig als Improvisationsgrundlage gebraucht werden. Für den perfekten Einstieg ins Jazz Piano für Anfänger sind sie unumgänglich.

  • Autumn Leaves: Das französische Chanson Les Feuilles Morteswurde dank der englischen Version des Textes zu einem der meistgespielten Standards überhaupt.
  • Blue Bossa: Ein Instrumentalstück im Bossa Nova Rhythmus, zu einer Jazz typischen II-V-I Verbindung;
  • Fly Me to the Moon: Ein Klassiker in vielen Musikgenres. Die bekannteste Version wurde von Frank Sinatra aufgenommen.
  • So What: Das Instrumentalstück von Miles Davis gilt als Inbegriff des Modalen Jazz.
  • How High the Moon: Ein Song aus einer Boradway-Revue, dessen interessante Akkordfolge vor allem im Bebop gerne genutzt wurde.
  • Corcovado: Ein brasilianischer Bossa-Nova dessen Komponist für einen anderen Standard verantwortlich ist: The Girl from Ipanema.
  • All the Things You Are: Ein Musical-Song, der zum Swing und Modern Jazz Standard wurde und eine wunderschöne Melodie durch verschiedene Tonarten führt.

Auch diese Liste erhebt keinen Anspruch an Vollständigkeit. Fühle Dich eingeladen, nach Deinem Geschmack und Deinen Interessen weitere Songs zu suchen und entdecken.

So können Anfänger Jazz Piano lernen

Jazz ist keine Musik, die an Hand von Noten exakt reproduziert werden kann. Er lebt von der Interpretation, Improvisation und Gefühl der einzelnen Musiker*innen.

Wenn Du Jazz Piano lernen möchtest, wirst Du Dich natürlich mit etwas Musiktheorie auseinandersetzen müssen und praktische Übungen auf dem Klavier machen. Vor allem solltest Du aber Jazz hören.

Nur durch aktives Zuhören unterschiedlicher Stücke und verschiedener Versionen eines Standards, kannst Du ein Gefühl für den Swing und die Jazzharmonie bekommen.

Nimm Dir Zeit, die Stücke einzeln und gründlich anzuhören und sie schließlich Schritt für Schritt zu entschlüsseln: Aus wie vielen Teilen bestehen sie? Wie sind die Teile angeordnet? Wie viele Takte hat ein Teil? Und so weiter.

Auf Vinyl oder MP3, höre Dir viel Jazz Musik an.
Musik hören ist der beste Weg, um Jazz spielen zu lernen. | Quelle: Oleg Sergeichik via Unsplash

Schnippe oder klatsche mit, um den Rhythmus in Deinen Körper zu bekommen. Erstmal nur den Offbeat, wenn das gut klappt kannst Du die Achtel mitklatschen.

Jazz Akkorde sind etwas komplexer als die Akkorde im Rock, Pop und Blues. Durch das erweitern und alterieren von Vierklängen wird Spannung erzeugt, die nach Auflösung strebt.

Im Jazz gibt es sehr typische Akkordfolgen, die immer wieder vorkommen und als Basis für teilweise komplexe Abläufe dienen. In vielen Jazz Songs wird die immer gleiche Akkordfolge durch verschiedene Tonarten hindurchgeführt.

Traue Dich von Anfang an, das neu Gelernte am Klavier auszuprobieren. Nur so kannst Du es wirklich verinnerlichen und Dich irgendwann wie selbstverständlich im Jazz zurechtfinden.

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Chantal

Die Entdeckungsreise des Lebens führte mich von Bern über Berlin in die Bretagne. Theater und Musik sind mein Zuhause, Neugier und Leidenschaft mein Antrieb.