Wisst Ihr noch, wie das damals war, zum ersten Mal Buchstaben und Wörter zu entziffern? Den eigenen Namen schreiben können, lesen können, was auf Geschäften drauf steht und den ersten Wunschzettel zu Weihnachten schreiben? Damals habt Ihr gelernt, den unbekannten Code "Schrift" zu entschlüsseln. Stellt Euch mal vor, dass das einfach nicht klappen will.

Egal wie sehr Ihr Euch bemüht, die Wörter wollen einfach nicht aus dem Mund herauskommen und auch das Schreiben funktioniert trotz Übung einfach nicht. Während die anderen leicht und locker Lesen und Schreiben lernen, klappt es bei Euch einfach nicht. So fühlt sich Legasthenie an.

Ihr habt festgestellt, dass Euer Kind einige Schwierigkeiten beim Lesen oder beim Schreiben hat? Da denken viele Eltern an LRS, auch Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Lese-Rechtschreib-Schwierigkeit genannt. Das liegt auf der Hand, schließlich ist dies eine gängige Entwicklungsstörung und die auffälligsten Symptome sind Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben Lernen.

Vielleicht hat Euer Kind aber auch keine LRS, sonder Legasthenie. Denn Vorsicht, bei LRS und Legasthenie handelt es sich um zwei unterschiedliche Krankheiten bzw. Schwierigkeiten. Wir von Superprof erklären Euch die Gemeinsamkeiten und vor allem die Unterschiede von LRS und Legasthenie, wir zeigen Euch, wie Legasthenie diagnostiziert wird, wie Ihr Euch die Therapie vorstellen könnt und welche Unterschiede bei der Behandlung vorliegen.

LRS - was ist das eigentlich genau?

LRS wird oft bei Kindern bemerkt, denn in der Grundschule beweisen sie erstmalig ihre Lese- und Schreibfähigkeiten. Wenn Deinem Kind das schwerfällt oder es sich auffällig vor Lese- und Schreibübungen drückt, solltest Du hellhörig werden.

LRS und Legasthenie zeichnen sich auch durch Schwierigkeiten beim Lesen aus.
Lesen fällt Deinem Kind schwer? Dahinter könnte sich auch eine LRS oder Legasthenie verbergen. | Quelle: Unsplash

Wie der Name Lese-Rechtschreib-Schwäche schon verrät, machen zwei Komponenten diese Entwicklungsstörung aus: Einschränkungen beim Lesen und beim Schreiben.

Ein auffälliges Symptom von LRS ist, dass Betroffene Buchstaben einzeln aussprechen, anstatt Wörter flüssig zu lesen. Das führt zum stockenden und langsamen Lesen. Gleichzeitig fällt es Betroffenen schwer, den Inhalt eines Textes zu erfassen, denn ihre Energie wird dafür verwendet, korrekt vorzulesen.

Außerdem tendieren sie dazu, Wörter zu lesen, die gar nicht im Text stehen. Diese Wörter passen zwar inhaltlich zum Rest des Texts, werden aber sozusagen hinzuerfunden. Natürlich möchten Kinder gut vorlesen. Wenn sie also Schwierigkeiten dabei haben, entwicklen sie Techniken, um ihre Fehler zu verstecken. Dazu gehört, einen Text, der eigentlich vorgelesen werden soll, stattdessen auswendig zu lernen. Somit bemerkt keiner, dass der Text nur so flüssig gesprochen wird, da er auswendig gelernt wurde.

Zudem haben Betroffene von LRS Probleme dabei, Wörter richtig zu schreiben. Es werden jedoch nicht immer die gleichen Fehler gemacht, sondern tagesabhängig unterschiedliche. Wörter können auch mal zufällig richtig geschrieben werden, es lässt sich also keine Regelmäßigkeit bei den Fehlern erkennen. Auch ganze Sätze können am Anfang eines Textes eher gut geschrieben sein und gegen Ende schlechter - tagesformabhängig. Auch Übung hilft nicht wirklich, die Fehler bleiben. Das ist natürlich besonders frustrierend für Betroffene.

Wenn Ihr mehr über die Definition von LRS erfahren möchtet und wissen möchtet, was sich dahinter noch verbirgt, seid Ihr bei unserem Artikel zum Thema genau richtig.

Auch Erwachsene können LRS haben. Bei betroffenen Erwachsenen handelt es sich jedoch meist um ehemalige Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche, die nie entdeckt wurde und deshalb auch nicht therapiert wurde.

Egal ob Erwachsene oder Kinder - LRS macht keinen Spaß und reduziert das Selbstwertgefühl. Vielen ist es peinlich, ständig Fehler zu machen. Umso wichtiger ist deshalb, zu verstehen, was sich hinter LRS verbirgt und diese Lernschwierigkeit von der Lernstörung Legasthenie  abzugrenzen.

Ihr wollt wissen, wie man eine LRS oder Legasthenie erkennt? Dann schaut Euch doch mal unseren Artikel dazu an.

Diagnose LRS oder Legasthenie?

Die Lese-Rechtschreib-Schwäche, die wir Euch weiter oben beschrieben haben, ähnelt der Legasthenie. Denn auch die Legasthenie zeigt sich in der verminderten Fähigkeit, Lesen und Schreiben zu lernen.

Eine unentdeckte Legasthenie führt auch noch bei Erwachsenen zu großen Schwierigkeiten beim Schreiben.
Wenn die Rechtschreibung auch noch im Erwachsenenalter schwer fällt, kann eine unentdeckte Legasthenie der Grund sein. | Quelle: Unsplash

Deshalb liegt es nahe, diese beiden Wörter synonym zu verwenden. Tatsächlich gibt es aber Unterschiede zwischen LRS und Legasthenie. Denn während LRS eine erworbene Schwäche ist, ist Legasthenie angeboren.

LRS ist eine vorübergehende Schwäche, das heißt, die Ursachen liegen meist in äußeren Umständen. Dazu gehören psychische Probleme wie die Trennung der Eltern oder der Tod eines Angehörigen. Aber auch, wer einfach nur länger nicht am Unterricht teilnehmen konnte, kann eine Lese-Rechtschreib-Schwierigkeit entwickeln.

Legasthenie hingegen entsteht nicht durch äußere Umstände. Üben allein hilft also nicht, um die Legasthenie zu bekämpfen. Oft bringen Legastheniker eine Anlage mit, das heißt, in der Verwandtschaft gab es schon Legasthenie. Das bedeutet aber nicht, dass Euer Kind zwangsläufig Legasthenie hat, wenn Ihr betroffen seid oder wart. Außerdem sind Jungen sechs bis acht Mal so oft von Legasthenie betroffen wie Mädchen.

Alles, was Ihr zu LRS und Legasthenie wissen solltet, haben wir Euch auch noch einmal übersichtlich zusammengefasst.

Um herauszufinden, ob eine LRS oder eine Legasthenie vorliegt, muss natürlich eine Diagnose gestellt werden. Die kann pädagogisch oder psychologisch sein. Psychologen können eine Legasthenie feststellen. Diese Diagnose enthält dann jedoch nicht die Bereiche, in denen die Probleme auftreten. Dafür muss eine pädagogische Diagnose her. Diese zeigt dann auch, in welchen Bereichen das Kind Schwierigkeiten hat. Zunächst wird ein ausführliches Gespräch mit den Eltern und Kindern geführt, anschließend werden noch weitere Tests gemacht:

  • Ein Sehtest
  • Ein Hörtest
  • Ein Lese- und Rechtschreibtest
  • Ein Test zur Feststellung einer Legasthenie, einer LRS oder einer Dyskalkulie

Ziel dieser Tests ist, herauszufinden, wie die Sinnesverarbeitung im Gehirn funktioniert. Die Lese-Rechtschreib-Leistung wird mit der Intelligenz verglichen. Das nennt man Diskrepanz-Diagnose. Für eine Legasthenie-Diagnose müssen also folgende Punkte erfüllt sein:

  • Das Kind hat gesunde Sinnesorgane,
  • Es besucht den Unterricht regelmäßig,
  • Seine Intelligenz ist normal bis überdurchschnittlich und
  • Die Lese-Rechschreib-Leistung ist schlechter, als die Intelligenz vermuten lässt.
Die Therapie von Legasthenie ist ganz wichtig dafür, um im Erwachsenenleben nicht darunter zu leiden.
Die Legasthenie Therapie ist so wichtig, um nicht das Leben lang eingeschränkt zu sein. | Quelle: Unsplash

Alles in allem hat ein legasthenes Kind Probleme bei der Wahrnehmung beim Sehen und Hören. Dieser Unterschied der Verarbeitung von Sprache ist in der Neurobiologie verankert. Zudem beeinflusst die Legasthenie auch andere kognitive Bereiche, zum Beispiel die Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis.

Mehr Informationen über die Diagnose von Legasthenie hat der Bundesverband Legasthenie & Dyskalulie e.V. auf seiner Internetseite zusammengestellt.

Wer Legasthenie hat, hat zudem häufig Begleitschwierigkeiten oder -erkrankungen. Das nennt man auch Komorbidität. Dazu gehört zum Beispiel die Angststörung. Das macht Sinn, schließlich ist die logische Folge des ständigen Misserfolgs beim Lesen und Schreiben die Angst davor, genau dies zu tun.

Auch ADHS ist eine häufige Komorbidität bei Legasthenie. Zu ADHS gehören Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Impulsivität und Hyperaktivität. Zudem können als Komorbidität depressive Störungen und Dyskalkulie auftreten. Letzteres beschreibt eine Rechenstörung, also ausgeprägte Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens.

Auch deshalb ist es so wichtig, sich beim Verdacht auf LRS oder Legasthenie Klarheit zu verschaffen und herauszufinden, was nun verantwortlich ist für die Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten eines Kindes.

Legasthenie Therapie: So wird Euch geholfen

Es ist so wichtig, zwischen LRS und Legasthenie zu unterscheiden, da die Förderansätze unterschiedlich sind.

Legasthenie wird vererbt und ist genbedingt. Forschungen zeigen, dass die Chromosomen 1, 2, 6, 15 und 18 dabei eine entscheidende Rolle spielen. Bevor in einer Therapie an den Fehlern gearbeitet wird, stehen bei der Behandlung von Legasthenie noch zwei weitere Schritte an: Die Förderung der Aufmerksamkeit und die Förderung der Sinneswahrnehmung.

Bei LRS hingegen wird ebenfalls an der Symptomatik gearbeitet, also an den Lese- und Rechtschreibfehlern. Außerdem wird jedoch an den spezifischen physischen oder psychischen Problemen gearbeitet, die zur Lese- und Rechtschreibschwäche geführt haben. Schließlich ist LRS nicht angeboren, sondern hat sich im Laufe der Zeit entwickelt - häufig spielen psychische Gründe eine Rolle.

Was Ihr bei LRS oder Legasthenie tun könnt, haben wir Euch außerdem in unserem Artikel zum Thema zusammengestellt.

Wir wollen Euch kein Expertenwissen vorenthalten, deshalb schaut Ihr Euch am besten das nachfolgende Video vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie an. Der Legasthenie Therapieansatz wird hier von einer Therapeutin ausführlich erklärt:

Ihr seht also, dass die Therapie für Legasthenie sehr umfangreich ist und auf viele unterschiedliche Phänomene eingegangen wird. Um herauszufinden, wo das individuelle Kind steht, wird unter anderem auf Folgendes eingegangen:

  • Testergebnisse aus der Kinder- und Jugendpsychatrie
  • Das Lesevermögen
  • Das Sprachrhythmusgefühl
  • Informationen aus der Schule
  • Fehleranalytische Auswertungen von Klassenarbeiten

In der Therapie wird das Lesen- und Schreibenlernen weniger durch den Kopf gesteuert. Dies schafft einen Gegenpart zum Lernen in der Schule, sodass Kinder mit Legasthenie eher handlungsorientiert lernen. Silbenschwingen und Lautgebärden helfen dabei, weniger mithilfe des Kopfs und mehr mithilfe von Handlungen zu lernen.

Sicherlich fragt Ihr Euch auch, wie lange so eine Therapie denn dauert. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie empfiehlt hier etwa 80 bis 120 Therapiestunden. Erst dann ist ein Kind mit Legasthenie durchschnittlich bereit für die Herausforderungen, die in Punkto Lesen und Schreiben auf es wartet.

In Punkto Kosten sieht es leider weniger rosig aus: Die Krankenkassen tragen die Kosten einer Legasthenie-Therapie nicht. Krankenkassen tragen lediglich die Kosten für die Behandlung der Folgeerkrankungen der Legasthenie und nicht die Legasthenie-Therapie selbst.

Einen Lichtblick gibt's für die Finanzen aber trotzdem: Bei Eurem Jugendamt könnt Ihr einen Antrag auf Eingliederungshilfe stellen. Wenn dieser Antrag bewilligt wird, übernimmt Euer Jugendamt die Kosten für die Legasthenie-Therapie.

Für Euch als Eltern hat eine Legasthenie Therapie den großen Vorteil, dass Euch viel Last von den Schultern fällt. Denn sicherlich erlebt Ihr das Hausaufgaben Machen als sehr anstrengend, seid oft am Ermahnen und Meckern. Die Therapie soll das verändern - Ihr könnt Euch etwas zurücklehnen und das Problem "Lesen und Schreiben" guten Gewissens an einen Experten oder eine Expertin abgeben. Für Euch, Euer Kind und vor allem Eure Beziehung zueinander ist das sehr erleichternd.

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Eva

Halb in Berlin, halb in Paris lebe ich meine Leidenschaften für guten Wein und schöne Fahrräder aus. Ich bin immer für spannende Aktivitäten zu haben und ständig auf der Suche nach interessanten Themen, die ich in meinen Artikeln mit Euch teile!