Wann war noch mal die letzte grosse deutsche Rechtschreibreform? Richtig! Vor mittlerweile über 20 Jahren! Weil sie aber überarbeitet wurde und zwischenzeitlich mehrere Schreibweisen möglich waren, dauert sie gefühlt schon ewig - und löste grosse Verwirrung unter den Deutschen aus.

Keiner, außer Experten, die täglich journalistisch schreiben vielleicht,  weiß heute so richtig, wie man was schreibt oder ob man es sich zwischen verschiedenen erlaubten Schreibweisen aussuchen kann und wo man ein Komma setzt.

Bringen wir also Licht ins Dunkel und analysieren gemeinsam die wichtigsten Punkte!

Seit wann gibt es die neue deutsche Rechtschreibung?
Die deutsche Sprache hat schon so einige Reformen durchgemacht. | Quelle: Pixabay

Die Vereinheitlichung der deutschen Sprache

Im Mittelalter sprachen die Menschen in ihren heimischen Dialekten und schrieben wie sie sprachen – sofern sie schreiben konnten.

Erst der Handel des Spätmittelalters sorgte für eine einheitliche deutsche Sprache und im neu geeinten Deutschen Reich mussten die Verordnungen des Kaisers von allen verstanden werden. Das "Neuhochdeutsch" entstand als erste überregionale deutsche Sprache.

Aber selbst im 19. Jahrhundert gab es noch keine für den gesamten Sprachraum verbindliche Rechtschreibregelung. Das sollte sich ändern. Auf der „Orthographischen Konferenz“ in Berlin entstand 1901 erstmals eine für alle Länder verbindliche Rechtschreibregelung. Als Grundlage diente die Schulnorm Preussens mit dem „Orthographischen Wörterbuch“ des Gymnasialdirektors Konrad Duden, ja genau: Der "Vater" des berühmten "Duden".

Neue Deutsche Rechtschreibung - Übungen mit Briefen
Handgeschriebene Briefe sind persönlich - aber hier gibt es keine Autokorrektur! | Quelle: Pixabay

Zunächst werden zahlreiche Varianten in der Schreibweise noch geduldet, dann aber immer weiter reduziert. Kompliziert war die deutsche Rechtschreibung auch damals schon. So schrieb man beispielsweise "In bezug auf", aber "mit Bezug auf" oder "Auto fahren", aber "radfahren". Dennoch hat man das Gefühl, dass die Deutschen immer schlechter in Rechtschreibung werden, was wohl an dem vermehrten und frühen Gebraucht von Handy & Co. liegen mag.

Die Linguisten vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim arbeiteten deshalb seit 1987 im Auftrag des Kultusministeriums an neuen, einfacheren Regeln.  Am 1. Juli 1996 wurde die Neuregelung von den deutschen Kultusministern sowie Vertretern aller deutschsprachigen Länder wie die Schweiz, Liechtenstein und Österreich unterzeichnet.

Die Rechtschreibreform von 1996

Am 1. August 1998 traten die neuen Regeln in Kraft: Substantivierte Adjektive oder Partizipien in Wortgruppen werden jetzt großgeschrieben: "im Argen liegen", "im Dunkeln tappen". Wortverbindungen werden vermehrt getrennt geschrieben und bei Ableitungen von -ig, -isch oder -lich wie in "heilig sprechen" oder "müßig gehen" immer. Das "ß" gibt es nur noch nach einem langen Vokal, ansonsten schreibt man jetzt "ss". Fremdwörter wurden eingedeutscht und für Kommata gibt es zahlreiche Kann-Bestimmungen.

Ein Sturm der Entrüstung bricht los! Es wird geklagt, Unterschriften werden gesammelt, 100 Schriftsteller und Wissenschaftler, darunter Günter Grass, Siegfried Lenz und Martin Walser fordern einen Stopp der Reform und der 2013 verstorbene deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nennt die Rechtschreibreform gar eine "nationale Katastrophe".

Doch die neue Schreibweise wird in Schulen bereits angewendet und im Jahr 2001 erscheinen 80 Prozent aller neuen Bücher in der neuen Rechtschreibung. Ab August 2006 wenden sogar der Springer-Verlag und die FAZ die neuen Regeln an - bis dahin erbitterte Gegner der Reform.

Eigentlich sollte mit der Reform vieles einfacher werden: Weniger Kommaregeln und mehr lautorientiertes Schreiben. Vor allem Kindern sollte es leichter gemacht werden, die korrekte Rechtschreibung zu erlernen.

Die Bilanz nach 20 Jahren ist allerdings eher ernüchternd: Immer mehr Schüler haben Schwierigkeiten mit der deutschen Rechtschreibung. 22 Prozent der Viertklässler erreichen nicht den Mindeststandard und unter den Neuntklässlern sind es bundesweit immer noch 14 Prozent.

Die Reform der Reform

Bereits 1997 war angesichts der massiven Kritik die „Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung" gegründet worden. Sie sollte die Reform nachbessern.

Im Jahr 2006 wurde die Reform reformiert. Vor allem die reformierte Groß- und Klein- sowie Zusammen- und Getrenntschreibung wurden überarbeitet. Auch diese zweite Reform wurde stark kritisiert, da sie viele der Regelungen von 1998 nicht rückgängig machte, sondern um weitere Schreibweisen ergänzte oder wieder neu änderte. Es heisst nun nicht mehr "Leid tun", sondern "leidtun" – im Gegensatz zum früheren "leid tun". Was denn nun?

Rechtschreibreform, wann nochmal und wie oft?
Buchstabensalat. Die Rechtschreibreform hat für anfängliche Verwirrung gesorgt. | Quelle: Pixabay

Manchmal kann man sich aussuchen, wie man es schreiben möchte: „Es tut mir Leid“ muss man nicht mehr unbedingt mit großem "L" schreiben -  man kann es aber mit grossem "L" schreiben, wenn man möchte...

Alles sehr verwirrend.

Heute halten viele Linguisten die Annahme, man könne die deutsche Rechtschreibung wesentlich einfacher und logischer gestalten, als illusorisch. Die Reform hat nicht einmal dafür gesorgt, dass die häufigsten Rechtschreibfehler im Deutschen vermieden werden. Die RechtschreibuAber: Die meisten Änderungen haben sich durchsetzen können und der durch die Reform erwartete Kulturverfall ist ganz offensichtlich nicht eingetreten. Es war also wie so oft: Viel Lärm um nichts.

Unsere Rechtschreibung wird sich stetig weiter entwickeln. Seit 2004 ist dafür der "Rat für deutsche Rechtschreibung"  zuständig.

Die wichtigsten Rechtschreibregeln im Überblick

Werfen wir einen kurzen Blick auf die wichtigsten Regeln, damit Du Dir in Zukunft sicher bist und Deine Rechtschreibung verbessern kannst.

"ss" oder "ß"?

Bei kurzem Vokal wird das Wort mit Doppel-S geschrieben, also wie in Kuss, Fluss oder bisschen. Bei langen Vokalen wird es allerdings nach wie vor mit "ß" geschrieben, wie in Gruß, Spaß oder Straße. Auch die Konjunktion "dass", die sich zuvor "daß" schrieb, wird jetzt immer mit zwei "s" geschrieben.

Drei gleiche Buchstaben bei Wortzusammensetzungen

Treffen bei zusammengesetzten Wörtern drei gleiche Buchstaben aufeinander, wird keiner davon gestrichen. Wo früher einer der Buchstaben wegfiel, schreibt man heute wirklich "Schifffahrt". Alternativ ist allerdings auch die Schreibweise mit Bindestrich möglich - "Schiff-Fahrt".

Rechtschreibregeln sind nicht nur Bein Kreuzworträtsel wichtig
Kreuzworträtsel lösen ist noch komplizierter, wenn man die Rechtschreibung nicht beherrscht! | Quelle: Pixabay

Getrennt oder zusammen?

Wer die deutsche Rechtschreibung üben will, sollte sich merken, dass wenn der erste Teil eines Wortes ein Verb ist, das Wort in der Regel getrennt geschrieben wird, wie zum Beispiel "spazieren gehen". Auch Zusammensetzungen mit dem Wort "sein" wie zum Beispiel "da sein" oder "dabei sein" werden getrennt geschrieben. In einzelnen Fällen ist die Zusammenschreibung möglich: Zum Beispiel bei Verbindungen von zwei Verben, die als zweiten Bestandteil die Verben "bleiben" oder "lassen" haben und im übertragenen Sinne gebraucht werden - zum Beispiel "in der Schule sitzenbleiben". Offiziell empfiehlt der Duden aber auch in diesem Fall die getrennte Schreibweise "sitzen bleiben".

Groß oder klein?

Tageszeiten nach den Adverbien wie "gestern" oder "heute" werden großgeschrieben - "heute Morgen", "gestern Mittag". Einzelne Begriffe wie "pleitegehen" werden wieder klein und zusammen geschrieben.

Die Zeichensetzung

Mit der Reform sollten unter anderem die Kommaregeln vereinfacht werden. Bei Hauptsätzen, die mit "und" beziehungsweise "oder" verbunden sind, kann zur Gliederung des Satzes ein Komma gesetzt werden - muss aber nicht sein! - "Jakob spielt mit Lego (,) und Ida malt ein Bild." Bei Infinitivgruppen muss ein Komma nur gesetzt werden, wenn diese mit als, anstatt, außer, ohne oder um eingeleitet wird. Dies gilt zum Beispiel für den Satz: "Sie öffnete den Schrank, um ein neues Kleid herauszuholen."

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Die neuesten Änderungen von Juni 2017

Eszett als Grossbuchstabe

Seit Juni 2017 gibt es ein großes Eszett. Falls Ihr Euch spontan fragen solltet, wofür das gut sein soll: Bisher musste bei der Schreibung eines Wortes in Großbuchstaben ein Eszett immer durch zwei "S" ersetzt werden. Dadurch veränderten sich Familien- oder Strassennamen. Liest man in Großbuchstaben "FLOSSSTRASSE" oder "FRAU NUSS", wusste man bislang nicht, ob die Strasse oder die Person kleingeschrieben nun "Floßstraße" oder "Flossstraße", "Frau Nuß" oder "Frau Nuss" heisst. Das konnte mitunter für Verwirrung sorgen.

Neue deutsche Rechtschreibung: seit wann gibt es neue Änderungen?
Jetzt auch in gross: Das deutsche sz! | Quelle: welcome-to-berlin.com

Wenn der Buchstabe "ß" nicht zur Verfügung steht, schreibt man auch heute noch "ss". In der Schweiz kann man immer "ss" schreiben, auch wenn ein "ß" zur Verfügung steht.

Bei der Schreibung mit Großbuchstaben schreibt man heute entweder "SS", aber neuerdings ist auch die Verwendung des Großbuchstabens "ẞ" möglich, also "STRASSE" oder "STRAẞE".

Übrigens kann man das GROẞE "ẞ" über die Tastenkombination 1E9E Alt-C oder die Tastenkombination [Alt Gr] + [Shift] + ß erzeugen!

Die Großschreibung von Adjektiven in bestimmten Fällen

Ein Adjektiv wird großgeschrieben:

bei Titeln, Ehren- und Amtsbezeichnungen, wie zum Beispiel "der Regierende Bürgermeister", "die Königliche Hoheit", "der Heilige Vater", "der Erste Staatsanwalt", "die Leitende Ministerialrätin" usw. Ausserdem bei offiziellen sowie kirchlichen Feier- und Gedenktagen, wie zum Beispiel "der Erste Mai", "der Internationale Frauentag", "der Heilige Abend". Bei Funktionsbezeichnungen und Benennungen besonderer Anlässe und Kalendertage kann das Adjektiv großgeschrieben werden (muss aber nicht) wie bei "der erste/Erste Vorsitzende", "der technische/Technische Direktor" oder "die goldene/Goldene Hochzeit", "das neue/Neue Jahr".

Bereits in der Vergangenheit schickten viele Menschen bereits ihre Wünsche zum "Neuen Jahr" - aber erst seit 2017 ist das ganz offiziell richtig!

Eine weitere beliebte Großschreibung ist allerdings nach wie vor falsch, nämlich: "Herzlich Willkommen!"

Auch wenn man es immer und überall in Großschreibung liest: "Herzlich willkommen!" ist und bleibt die einzig richtige Schreibweise!

Außer in den oben genannten Fällen werden Adjektive nach wie vor klein geschrieben.

Korrekt wäre "Ein herzliches Willkommen!" Denn dann ist "Willkommen" ein Substantiv, und als solches schreibt man es groß.

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Die Eindeutschung von Fremdwörtern 

Viele der durch die Rechtschreibreform von 1996 eingedeutschten Fremdwörter haben sich nie durchsetzen können. Niemand hat je "Ketschup" statt "Ketchup" geschrieben, "Majonäse" statt "Mayonnaise", "Grislibär" statt "Grizzlybär", "Krem" statt "Creme" oder etwa "Portmonee" statt "Portemonnaie"... Deswegen hat der deutsche Rechtschreibrat viele dieser Schreibweisen wieder entfernt.

Dafür sage ich persönlich: Danke! ;)

Sicher hat der deutsche Rechtschreibrat auch in Zukunft noch zu tun. Seien wir gnädig: Wir tun uns halt alle schwer mit Veränderungen und perfekte Lösungen gibt es nicht. Die deutsche Sprache hat schon viele Veränderungen erfahren, die sicher damals für viele schockierend waren, uns aber heute ganz normal erscheinen. Wer erinnert sich schliesslich noch daran, dass "Tür" einmal "Thür" geschrieben wurde, "Zentimeter" "Centimeter" oder "Elefant" "Elephant"?

Die gute Nachricht: Ganz große Änderungen seien laut Ludwig M. Eichener, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung, nicht mehr zu erwarten. Na dann!

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Bertine

Ich bin studierte Ethnologin und Politikwissenschaftlerin, schreibe leidenschaftlich gerne und interessiere mich besonders für Sprachen, fremde Kulturen, Geschichte und Handwerk.