Schlechte Rechtschreibung - warum sie zu einem Problem geworden ist

Verkommt die deutsche Rechtschreibung?

Es sieht schlecht aus für die deutsche Rechtschreibung: Studien zeigen, dass die Zahl der Kinder, die eine korrekte Rechtschreibung beherrschen, immer weiter abnimmt. Woran liegt es, dass immer mehr Deutsche schlecht in Rechtschreibung sind? Was machen die Lehrer falsch? Wie gut lernen Kinder heutzutage noch Lesen und Schreiben?

Die Schulform scheint Einfluss auf die Rechtschreibung zu haben, Waldorf- oder Montessori-Schüler schneiden in der Regel etwas schlechter ab als Kinder an einer regulären Schule. Aber auch an einer ganz normalen staatlichen Grundschule hat die Reformpädagogik dafür gesorgt, dass Kinder nicht mehr korrekt Schreiben und die deutsche Rechtschreibung lernen. Viele Kinder schaffen es nach der gesamten Grundschulzeit nicht, auch nur einen einzigen Satz fehlerfrei zu schreiben!

Viele Lehrer legen heute mehr wert auf Lesen und gehen heute davon aus, dass die richtige Rechtschreibung irgendwann automatisch kommt. Weit gefehlt! Am Ende der Grundschulzeit ist das Kind längst in den Brunnen gefallen. Die falsche Schreibweise hat sich eingeprägt und verfestigt.

Natürlich hat die Reformpädagogik viele positive Seiten: Lerninhalte werden spannender vermittelt, es wird mehr diskutiert, Kinder werden zu Unabhängigkeit und Freigeistigkeit erzogen und das hat viele Vorteile! Aber korrekt zu schreiben Rechtschreibung lernt man eben nur durch konsequentes Rechtschreibung Üben.

Die Methode "Lesen durch Schreiben"

Um Kinder vom Lern-Druck befreien, hat der Schweizer Grundschullehrer Jürgen Reichen (1939 – 2009) die Methode "Lesen durch Schreiben" entwickelt, die mit der Anlaut-Tabelle ("B wie Baum") arbeitet. Auch der mittlerweile pensionierte deutsche Professor für Grundschulpädagogik Hans Brügelmann war Anhänger dieser Methode und hat in den 80er Jahren die Reform des Lese- und Schreibunterrichts an Grundschulen nachhaltig beeinflusst. Unter anderem hat er sich für eine stärkere Fehlertoleranz beim Schreiben eingesetzt.

Rechtschreibung für Kinder wir immer mehr zum Problem
Immer mehr Kinder haben Probleme mit der Rechtschreibung. | Quelle: Pixabay

Das Ergebnis: Schüler machen heute mehr als doppelt so viele Rechtschreibfehler wie vor vierzig Jahren. Das hat Wolfgang Steinig, Professor für Germanistik an der Uni Siegen, beim Vergleich von Schulaufsätzen aus drei Jahrzehnten festgestellt.

Steinig hat Viertklässler in den Jahren 1972, 2002 und 2012 einen Aufsatz zu einem kleinen Film schreiben lassen. Eine Schulstunde hatten die Kinder jedes mal dafür Zeit.

1972 kamen auf 100 Wörter durchschnittlich 6,94 Rechtschreibfehler, dann 12,26 Fehler und zuletzt 16,89 Fehler. Und: Die Kluft zwischen den sozialen Schichten hat sich vergrößert! Schüler aus eher bildungsfernen Schichten machen heute wesentlich mehr Fehler als vor vierzig Jahren.

Aber Schicht stellt auch fest, dass Schüler ihre Aufsätze heute anders aufbauen als früher, nämlich freier, lebhafter und selbstbewusster: 1972 berichteten sie vor allem, 2002 erzählten sie und 2012 kommentierten sie eher, wie sie den Film fanden. Er sieht immerhin in dieser Entwicklung einen positiven Aspekt.

In Hamburg und Schleswig-Holstein ist die Methode "Lesen durch Schreiben" mittlerweile verboten, in vielen anderen Bundesländern wird sie nicht mehr angewendet.

Die Methode allein scheint aber nicht das einzige Problem zu sein und die Abschaffung kann folglich auch nicht die einzige Lösung sein:

Abfallende Rechtschreibleistungen werden in allen Bundesländern beobachtet und nicht nur in denen, in denen die Methode vielfach zum Einsatz kam.  In den neuen Bundesländern wurde die Methode beispielsweise nie eingesetzt, aber auch dort sinkt das Niveau. Die Ursachen sind also komplexer.

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Wie schädlich ist die SMS-Sprache?

Heute wird unter Schülern mehr gesimst, gechattet und gemailt als richtig geschrieben. Damit es schneller geht, werden Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik weitgehend vernachlässigt. Ein Wort ersetzt gerne mal ganze Satzteile, aus "Nacht" wird "N8", große Emotionen werden durch Emojis, "OMG", "WTF" und "LOL" ausgedrückt, Journalistisches Schreiben ade!... Das hört sich nach katastrophalen Konsequenzen für die Rechtschreibung an, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Macht die SMS Sprache die Rechtschreibung kaputt?
SMS-Sprache - wie schädlich ist sie wirklich? | Quelle: Pixabay

Eine Studie der Coventry University hat ergeben, dass häufiges Schreiben von Textnachrichten bei Kindern sogar einen positiven Einfluss auf die Rechtschreibung und Grammatik haben kann! Die Forscher untersuchten für diese Studie 160 Kinder im Alter von acht bis 16 Jahren. Den Ergebnissen zufolge hat die sehr unorthodoxe Schreibweise in SMS-Kommunikation keine negativen Auswirkungen auf das Erlernen der korrekten Schreibweise. Die Resultate belegen sogar, dass die Studienteilnehmer im Grundschulalter, deren Sätze besonders frei von Grammatik und Rechtschreibung waren, ein Jahr später Fortschritte gemacht hatten. Woran liegt es also, dass es mit der Rechtschreibung stetig bergab geht?

Sind wir nicht mehr bereit, zu lernen?

Der Psychologe Karl Landscheidt hat ein Grundschullesebuch aus dem Jahr 1980 mit einer aktuellen Ausgabe verglichen. Die alte Version enthält 160 Seiten mit Text auf jeder Seite. Heute seien die Bücher dünner, hätten mehr Bilder auf jeder Seite und weniger Text.

Landscheidt glaubt nicht, dass Lernen kindgerecht spielerisch und möglichst mühelos sein sollte. Man könne nicht lernen, ohne sich anzustrengen. Besonders die Regeln der Rechtschreibung müsse man immer wieder wiederholen, bis sie sitzen.

Viele Lehrpläne favorisieren heute Kompetenzen, mit denen Schüler auf eine komplexe Welt vorbereitet werden sollen. Die reine Wissensvermittlung wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Das spiegelt sich auch in den Rechtschreibleistungen der Schüler wieder: Die Aufsätze sind heute mit wesentlich mehr Fehlern gespickt. Aber nicht nur das: Immer mehr Lehrer geben heute alarmiert die Rückmeldung, dass Schüler wissenschaftliche oder literarische Texte nicht mehr verstehen. Studenten seien nicht mehr in der Lage, argumentative Texte zu verfassen.

Das gute, alte Wörterbuch

Zwei Werke gab es früher in jeder Familie: Die Bibel und das Wörterbuch, am besten auf dem Stand der letzten Rechtschreibreform. Letzteres wird heute oft in einer bebilderten Junior-Version gekauft, aber es hat den Status eines Standardwerkes verloren.  Warum hat das Wörterbuch seinen festen Platz im Bücherregal deutscher Wohnzimmer verloren?

Die Demokratisierung des Computers und des Internetzugangs haben das Wörterbuch in nur wenigen Jahren ersetzt. Aber auch online könnt Ihr Synonyme, Antonyme, Wortetymologie und Phonetik überprüfen! Die Online-Versionen des Wörterbuches sind ebenso effektive Werkzeuge, wenn es darum geht, den grössten Rechtschreib-Fettnäpfchen aus dem Weg zu gehen! (Lese dazu auch den Artikel: Die 10 häufigsten Rechtschreibfehler im Deutschen).

Mit Wörterbuch Rechtschreibung verbessern
Auch wenn der Computer über eine Rechtschreibkontrolle verfügt, sollte man auch per Hand richtig schreiben können. | Quelle: Pixabay

Sind Diktate eine gute Methode?

Diktate sind für Eltern genauso wie für Kinder ein Graus! Aber sind sie wirklich effektiv, wenn es darum geht, die korrekte Schreibweise zu lernen? Bei dieser Frage scheiden sich die Geister. Bei Kindern (oder Erwachsenen) mit Rechtschreibschwäche wird eher abgeraten. Eine miese Note für ein Diktat ist einfach nur frustrierend und wenig motivierend.

Lesen und Rechtschreibung lernen?

Ein weiterer allgemein verbreiteter Irrglaube ist, dass sich die Rechtschreibung durch häufiges Lesen einprägt. Regelmäßiges Lesen steigert die Lesekompetenz aber auf die Rechtschreibung hat es nicht die gewünschten Auswirkungen... 

Lesen und Rechtschreibung lernen?
Lesen hat viele positive Auswirkungen - für die Rechtschreibung bringt es aber wenig. | Quelle: Pixabay

Wer flüssig liest, erfasst die Buchstaben eines Wortes blitzschnell und sortiert sie automatisch in der richtigen Reihenfolge.

Sicher habt Ihr den folgenden Text bereits irgendwo schon einmal gelesen:

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Obwohl die Buchstaben der Wörter vertauscht sind, kannst Du den Text problemlos lesen.

Durch häufiges kann man also nicht unbedingt seine Rechtschreibung verbessern. Du liest die Wörter so schnell und automatisch, dass die richtige Schreibweise nicht hängenbleibt.

Rechtschreibung gezielt trainieren

Der Text mit den vermischten Buchstaben liefert uns aber eine gute Idee, Rechtschreibung gezielt zu trainieren. Sammle alle Wörter, die Du falsch schreibst und setze sie zu einem Text zusammen. Dabei vermischt Du die Buchstaben genauso wie in dem Beispieltext der Universitätsstudie. Der erste und der letzte Buchstabe müssen an ihrem Platz bleiben. Dann bringst Du die Buchstaben der Wörter in die richtige Reihenfolge. Auf diese Weise trainierst Du ganz intensiv die Rechtschreibung der Wörter, mit denen Du Schwierigkeiten hast!

So merkst Du Dir die richtige Schreibweise des fertigen Wortes ganz sicher!

Diese Übung kannst Du mit jedem beliebigen Text machen. Es ist auch eine tolle und lustige Methode, um mit Kindern zu arbeiten, die Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung haben. Für Kinder kann man das Ganze auch mit einer kleinen Knobelaufgabe kombinieren.

Der Spaß am Lernen muss also nicht unbedingt zu kurz kommen, um Rechtschreibung intelligent und effektiv zu trainieren!

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Bertine

Ich bin studierte Ethnologin und Politikwissenschaftlerin, schreibe leidenschaftlich gerne und interessiere mich besonders für Sprachen, fremde Kulturen, Geschichte und Handwerk.

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