In Deutschland verlassen zur Zeit immer mehr Schüler die Schule ohne Abschluss, dabei spielen insbesondere Zuwanderer eine Rolle, für die es sehr schwer ist, in kurzer Zeit eine neue Sprache zu lernen und gleichzeitig den Schulabschluss zu schaffen.

Vielleicht liegt es auch an einem zu rigiden Schulsystem, wenn der schulische Aufstieg nicht oder nur selten gelingt. In erster Linie liegt es aber leider an den Bildungsunterschieden der Familien der Schüler, die massgeblich mitbestimmen, ob das Kind in der Schule Erfolg haben wird oder eben nicht - und ja: Das ist ungerecht!

Dabei werden Kinder aus bildungsfernen Schichten sogar häufig von Kindern mit Migrationshintergrund überholt - allerdings nur dann, wenn sie über einen ähnliche hohen Bildungshintergrund wie die einheimischen Mitschüler verfügten. Dann seien ihre Aufstiegschancen sogar noch besser, weil ihre Motivation grösser sei! (Motivation ist bei allem, was man im Leben erreichen will, das Wichtigste!)

Wenn sie allerdings den Anschluss verlieren, dann unter anderem auch deshalb, weil es in ihrer Familie an der nötigen Bildung fehlt.

Bislang ist es den Schulen nicht gelungen, eine niedrige Bildungsherkunft der Schüler auszugleichen, so dass sie mit den anderen Schülern Schritt halten können.

Die gutbürgerliche Kultur ist meilenweit entfernt von den Realitäten der Kinder der unteren Schichten.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu erkannte darin einen sozialen Herrschaftsprozess, der Kinder aus unterprivilegierten Schichten zum Scheitern verurteilt und den Zugang zu höherer Bildung für Schüler aus den privilegierten Klassen fördert.

Alte Sprachen wie Latein oder Altgriechisch in der Schule als zweite oder sogar als erste Fremdsprache zu wählen, war lange Zeit ein Garant dafür, dass die Kinder aus den gebildeten Familien unter sich blieben.

Latein verfügte lange Zeit über ein Prestige, das dafür sorgte, dass diejenigen, die es beherrschten, als Erben einer privilegierten sozialen Klasse gesehen wurden. Auf diese Weise wurde Latein ein Instrument der sozialen Unterscheidung.

Und wie ist es heute? Ist das Erlernen der lateinischen Sprache - oder des Altgriechischen - auch heute noch der sozialen Elite, den Botschaftern der gelehrten Kultur und den Inhabern des gesamten Kulturkapitals vorbehalten?

Superprof versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben: Was ist der Zusammenhang zwischen Lateinunterricht und schulischem Erfolg und ist es überhaupt noch sinnvoll, Latein zu lernen?

Heike
Heike
Lehrerkraft für Latein
4.76 4.76 (7) 24€/h
1. Unterrichtseinheit gratis!
Stefan
Stefan
Lehrerkraft für Latein
5.00 5.00 (5) 50€/h
1. Unterrichtseinheit gratis!
Wolfgang
Wolfgang
Lehrerkraft für Latein
5.00 5.00 (11) 22€/h
1. Unterrichtseinheit gratis!
Christian
Christian
Lehrerkraft für Latein
4.75 4.75 (4) 23€/h
1. Unterrichtseinheit gratis!
Anna
Anna
Lehrerkraft für Latein
5.00 5.00 (4) 25€/h
1. Unterrichtseinheit gratis!
Marion
Marion
Lehrerkraft für Latein
5.00 5.00 (13) 20€/h
1. Unterrichtseinheit gratis!
Janek
Janek
Lehrerkraft für Latein
5.00 5.00 (2) 25€/h
1. Unterrichtseinheit gratis!
Sebastian
Sebastian
Lehrerkraft für Latein
5.00 5.00 (4) 22€/h
1. Unterrichtseinheit gratis!

Die Geschichte des Lateinunterrichts in Deutschland

Seit der Renaissance und der Zeit des Humanismus - dem 15. und 16. Jahrhundert - war das Erlernen des Lateinischen den Kindern der oberen gesellschaftlichen Schichten, dem Adel und dem Klerus vorbehalten.

Rosa, Rosa, Rosam, Rosae, Rosae, Rosa ... Rosae, Rosae, Rosas, Rosarum, Rose, Rose. Die lateinische Deklination im Singular und Plural: Früher war sie ein Zeichen der Zugehörigkeit zur High Society. | Quelle: Pixabay

Die lateinische Sprache wurde aufgrund ihrer Einflusskraft - Erbe der römischen Zivilisation, kulturelle und sprachliche Auswirkungen in Europa, Sprache der Bildung, Wissenschaft, Lehre und Kultur - als ein mächtiger Vektor der sozialen Mobilität nach oben angesehen.

Eine aus der Elite rekrutierte Minderheit (Kinder aus den unteren sozialen Schichten hatten damals noch keinen Zugang zu weiterführenden Schulen) wurde daher in Latein geschult - einer toten Sprache - mit dem Ziel, anschliessend die besten sozialen Positionen zu erreichen.

Im 19. Jahrhundert wurde das humanistische Gymnasium mit Latein und Griechisch vorherrschend.

Im Gegensatz dazu, verlies eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung - Arbeiter, Bauern, Handwerker... - die Schule nach der "Volksschule", was heute etwa der Hauptschule entspricht.

Jeder, der aber die Universität besuchen wollte, musste Latein und Griechisch gelernt haben. Lateinunterricht behauptete sich folglich an vielen Gymnasien, bis in die Zeit der Weimarer Republik. Durch den Nationalsozialismus wurde Latein und Altgriechisch zunächst weniger Wichtigkeit beigemessen. Die Kulturhoheit der einzelnen Länder wurde abgeschafft, das Schulwesen zentralisiert.

Nach 1945 wurde in den Westzonen den einzelnen Ländern ihre Kulturhoheit zurückgegeben. In der späteren DDR wurde das Schulwesen weiterhin zentralistisch geleitet. Im Westen lebte der altsprachliche Unterricht wieder auf, während die DDR ihn stark einschränkte.

1967 erschien das Buch von Saul B. Robinsohn Bildungsreform als Revision des Curriculum. Es stellte die traditionelle lateinische Schullektüre infrage, den Lateinunterricht insgesamt, sowie auch den Geschichtsunterricht, vor allem den Unterricht in alter und mittelalterlicher Geschichte.

Seitdem geht es in Schulen weniger um Tradition als vielmehr darum, welche Kenntnisse und Fähigkeiten ein Kind heute lernen muss, um in Zukunft ein Leben als „mündiger Bürger“ leben zu können. Seit 1972 können Gymnasiasten ihre Fächer in der Oberstufe selbst bestimmen, mit der Möglichkeit, Alte Sprachen abzuwählen.

Das Studium der lateinischen Sprache und allem, was dazu gehört - die Mythologie, die Geschichte des Römischen Reiches, das Lesen alter Texte, Kenntnisse zu den großen Autoren wie Ovid, Seneca, Cicero, Horatius oder Plautus, etc. - verliert daher allmählich seine Pracht.

Wozu heuet noch lateinische Verben deklinieren? | Quelle: Pixabay

Heute konzentrieren sich Schulen eher auf die Bekämpfung von Bildungsungleichheiten. Aus diesem Grund reduziert sich der Unterricht in Latein und Altgriechisch zu Gunsten eines interdisziplinären und praktischen Unterrichts.

Aber besonders Kinder aus bildungsstarken und finanziell besser gestellten Familien, wählen in der Schule nach wie vor häufig Latein als Fremdsprache. Natürlich trägt Latein zu einer guten Allgemeinbildung bei - aber gibt es noch einen anderen Grund dafür, dass Latein sich so hartnäckig hält?

Anscheinend fördern Kenntnisse der alten Sprachen nach wie vor die Karriere! Sie dienen auch heute noch als Distinktionsmerkmal. Ausserdem scheinen viele Arbeitgebern davon auszugehen, dass das Latinum für einen besonders klugen Kopf spreche, weshalb Lateinkenntnisse sich im Lebenslauf sehr gut machen.

Da gerade sehr gebildete Eltern ihre Kinder auf altsprachliche Gymnasien schicken, erhalten diese privilegierte Kinder weitere Privilegien.

Latein als Schulfach -  eine Wahl, die mit der sozialen Herkunft zusammenhängt?

Latein zu beherrschen, galt einst als sozialer Aufzug, der in die Reihen der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Elite führte.

Heutzutage wird Latein als Mittel für schnelleres und leichteres Lernen insbesondere der romanischen Sprachen gesehen, aber auch als Mittel zur Vertiefung der Kenntnisse der eigenen Muttersprache und letzten Endes auch einfach als Erweiterung der Allgemeinbildung, schliesslich ist Latein die Ursprache der europäischen Zivilisation.

Wenn nun die Lateinklassen die Eliteklassen sind und sogar Arbeitgeber bevorzugt unter ehemaligen Lateinern rekrutieren, ist dies dann nicht genau der berüchtigte Elitismus in einem Bildungssystem, das den Anspruch hat, allen Kindern die gleichen Chancen zu bieten?

Auch im alten Rom gab es soziale Klassen und die Trennung war sehr streng. | Quelle: Pixabay

Latein wird fast immer von Schülern mit hohem Bildungsniveau gewählt. Das sind zwar insgesammt immer weniger: Im Schuljahr 2018/2019 haben nur 7,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler Lateinunterricht belegt.

Aber: Der Anteil der Gymnasiasten, der im Unterricht Latein lernt, seit Ende der Neunzigerjahre von rund 26 auf 32 Prozent gestiegen!

Allgemein wird dies als eine Strategie des Bildungsbürgertums interpretiert, sich gegenüber anderen sozialen Schichten abzugrenzen. Das Streben nach gleichen Chancen in Schulen fruchtet: Immer mehr Menschen machen heute Abitur und studieren. Um sich abzugrenzen und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, halten Bildungsbürger mit neuen Mitteln dagegen: Sie schicken ihr Kind für ein Jahr ins Ausland oder sie lassen es eben Latein lernen.

Und weil allgemein davon ausgegangen wird, dass Menschen mit Latinum besonders klug sind, bringt es auf dem Arbeitsmarkt echte Vorteile.

Hier werden tiefgreifende soziale Unterschiede deutlich, die sich auch durch eine ungleiche Verteilung erworbener Kenntnisse und unterschiedlicher kultureller Praktiken ausdrücken: Das Kind eines Französischlehrers ist es vielleicht eher gewohnt, ins Museum oder ins Theater zu gehen und sich dort mit neuen Denkanstössen zu beschäftigen als ein Kind mit einem populären sozialen Hintergrund. Vielleicht ist deshalb ein Kind aus einer gebildeten Familie auch eher in der Lage, sich schnell mit neu Gelehrtem in der Schule vertraut zu machen.

Häufig ist das Interesse an Kultur oder Geschichte unter benachteiligten sozialen Kategorien eher gering.

Wie soll man diese Schüler also für die lateinische Grammatik, die Geschichte der römischen Zivilisation und die Kunst der Rhetorik der römischen Autoren begeistern? Zumal bei vielen dieser Schüler das Gefühl der Inkompetenz angesichts der schulischen Erwartungen seit mehreren Generationen in der Familienkultur fest verankert ist?

Es ist also leicht zu verstehen, warum die Schüler, die weiterhin Latein belegen, eher aus sozial besser gestellten Familien kommen.

Strategien für lateinische Sprache und soziale Vermeidung

Alle Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder in Zukunft eine sichere soziale Position haben. Deshalb drängen sie ihre Kinder dazu, hart zu arbeiten, um gute Noten in der Schule zu bekommen und zu studieren.

Dies gilt umso mehr, je einfacher das soziale Umfeld ist.

Verschwindet Latein unter einer dicken Schicht Asche wie Pompei? Quelle: Pixabay

Heute ist jedoch ein paradoxes Phänomen am Werk: Ein höheres Bildungsniveau als das der Eltern garantiert nicht mehr zwangsläufig eine bessere soziale Situation als die der Eltern.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Eltern Strategien entwickeln, um dieses Phänomen abzumildern: Sie lassen also ihre Kinder Latein lernen und sorgen auf diese Weise für eine gelungene soziale Integration.

Vergiss also nicht: Wenn Du Dich auf Dein Latein-Abitur vorbereitest, die Geschichte von Rom und Pompeji lernst und lateinische Texte übersetzt, dann erweitert das sicherlich Deine Allgemeinbildung, es sorgt bestimmt auch dafür, dass Du ein gutes Gefühl für romanische Sprachen und überhaupt Sprache im Allgemeinen entwickelst - aber es hat einen weiteren immensen Vorteil, den Du vielleicht noch gar nicht bedacht hast: Du büffelst auch für Deine berufliche Zukunft, denn man wird Dich für furchtbar schlau halten!

Auf der Suche nach einer Lehrkraft für de Latein?

Dir gefällt unser Artikel?

5,00/5, 1 votes
Loading...

Bertine

Ich bin studierte Ethnologin und Politikwissenschaftlerin, schreibe leidenschaftlich gerne und interessiere mich besonders für Sprachen, fremde Kulturen, Geschichte und Handwerk.