Immer weniger Schüler in Deutschland wählen Latein als Fremdsprache. Zwischen 2010 und 2018 hat die Anzahl der Schüler, die Latein lernen, um ein Fünftel abgenommen. Nur noch eine Handvoll hartgesottene Gymnasiasten entscheiden sich für Latein.

Alte Sprachen interessieren nicht mehr, könnte man meinen.  Altgriechisch und Latein zu lernen gilt als veraltet, unnötig, zeitaufwändig und mühsam. Und wen motiviert schon der Gedanke, eine tote Sprache zu lernen?

Liebhaber betonen den Wert der schönen Sprache - die Sprache der römischen Zivilisation, die die historische Kindheit Europas und seine humanistische Kultur geprägt hat.

Die Debatte über die Rolle von Latein in den Schulen ist so turbulent ist wie ein aktiver Vulkan.

Wir stellen Dir in diesem Artikel die Argumente der Verfechter des Lateinunterrichts vor, die guten Gründe,  Latein zu lernen, und insbesondere, wie man Latein lesen, schreiben und sprechen kann.

Latein lernen fürs Abitur

Nicht sehr viele Abiturienten in Deutschland wählen Latein als Prüfungsfach, dabei wird es in der Oberstufe erst richtig spannend:

Die Schüler erhalten einen Überblick über wichtige Bereiche des literarischen Schaffens der Römer. Im Mittelpunkt stehen Werke von Cicero und Seneca, die sich mit existenziellen Fragestellungen auseinandersetzen und in denen die Philosophie als Wegweiserin zur Lebensbewältigung in schwierigen Situationen erscheint. Zusätzliche philosophische oder christlich geprägte Texte fordern zum kritischen Vergleich und zur weiteren philosophischen Reflexion heraus.

Bei der Beschäftigung mit zentralen philosophischen Vorstellungen der Antike, entdecken Schüler, dass die römische Philosophie griechische Lehren übernimmt, wobei sie sich eher den ethischen Aspekten zuwendet. Die Schüler erkennen, dass das antike Denken bei der Frage nach dem Ursprung des Seins ansetzt, seit der sokratischen Wende den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt und ihn schließlich seit dem Hellenismus als ein Individuum entdeckt, das in einem erfüllten, glücklichen Leben das höchste Ziel sieht. Die verschiedenen Denkansätze antiker Philosophie können auch heute noch jungen Menschen anregen, über den Sinn ihres Lebens nachzudenken, und sie ermutigen, eigene Wege der Lebensgestaltung zu suchen und sich von vordergründigen Wertvorstellungen zu lösen.

Latein lernt man also auch deshalb, weil es die Tür in eine antike Gedankenwelt öffnet, in der die interessanten Fragen des Lebens gestellt und beantwortet wurden.

Hinter der Sprache steckt eine ganze Philosophie. | Quelle: Pixabay

Lateinunterricht ist multidisziplinär: Du lernst nicht nur die Grammatik, die Syntax und das Vokabular einer Sprache, Du entdeckst alte Texte und die Literaturgeschichte einer Kultur, die römische Mythologie, des Alltagsleben der Römer und vieles mehr!

Das Latein-Abitur, falls Du Doch dafür entscheiden solltest, besteht aus zwei Teilen, einem Übersetzungteil und einem Aufgabenteil, die im Verhältnis 2 : 1 bewertet werden.

Dafür kann man übrigens auch mit speziellen Apps trainieren.

Latein, die Sprache der Elite

Latein war eine Weltsprache, die von der gebildeten Elite gesprochen wurde. Latein gehörte folglich einst zum Fundament einer bürgerlichen Ausbildung und war es das Kernfach schlechthin im Gymnasium. Schließlich ist Latein die Wurzel vieler Sprachen, auch des Englischen. Es ist die europäische Ur-Sprache.

Latein öffnet die Tür zu einem spannenden Kapitel der Geschichte. | Quelle: Pixabay

Latein zu sprechen galt seit der Renaissance und der humanistischen Bewegung als Vorrecht der wirtschaftlichen und sozialen Elite, die mit kulturellem Kapital ausgestattet war.

Leonardo da Vinci benutzte Latein als Code, indem er es rückwärts schrieb, damit man seine Notizen nicht so einfach lesen konnte. Dichter, Philosophen und Politiker der Neuzeit wie Johann Wolfgang von Goethe oder Karl Marx sprachen Latein.

Familien aus wohlhabenden Kategorien sahen im Erlernen alter Sprachen ein Instrument, um ihr Ansehen zu stärken, ein Instrument der Unterscheidung und sozialen Vorherrschaft gegenüber den benachteiligten Kategorien.

Latein zu lernen war daher ein Mittel, um in die höchsten Ränge der Gesellschaft aufgenommen zu werden, zumal die Lateinisten diejenigen waren, die auch die Sprache der katholischen Kirche verstanden.

Das Lateinische und auch das Griechische war also auch ein Mittel, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Die moderne Erziehung hat die Ideologie des klassischen Humanismus über Bord geworfen. Heute geht es um Lernziele, Lerninhalte und gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit.

Welche Gründe kann es also heute noch geben, Latein zu lernen?

Latein lernen, um die eigene Sprache besser zu verstehen

Wir benutzen jeden Tag das lateinische Alphabet, jeden Tag lateinische Wörter.

Latein zu lernen, bedeutet, unsere eigene Sprache besser zu verstehen: Unsere Rechtschreibung und die Etymologie vieler Wörter ist auf das Lateinische zurückzuführen.

Das deutsche Alphabet stammt direkt aus dem lateinischen Alphabet, obwohl in der Geschichte Unterschiede in der Schreibweise aufgetreten sind. Wörter wie "cella" (Keller), "corpus" (Körper), "fenestra" (Fenster), "murus" (Mauer), "nasus" (Nase), "schola" (Schule), "via strata" (Strasse), "vinum" (Wein) und viele, viele mehr, haben ihren Eingang in die deutsche Sprache gefunden.

Wörter wie "et cetera", "circa", "in flagranti", "a priori", "ad acta", summa summarum", "versus", "status quo" und "ad absurdum" sind ebenfalls lateinische Wörter, die keine Übersetzung brauchen.

Trier gilt als die älteste Stadt Deutschlands und die von den Römern erbaute Porta Nigra ist ihr Wahrzeichen. | Quelle: Pixabay

Auch das deutsche Wort "Münze" kommt vom lateinischen "Moneta" und zwar deshalb, weil beim Tempel der Göttin Juno, die auch "Juno Moneta", "Juno, die Mahnerin" gennant wurde, Münzen gefunden wurden, die mit dem Bild der Göttin geprägt waren. So wurde aus "Moneta" "Moneten" und schliesslich "Münzen", im Englischen "money" und im Französischen "monnaie".

Auch eine ganze Reihe von Ortsnamen sind lateinischen Ursprungs und zeugen von der langen Geschichte dieser Städte, die bis in die Römerzeit zurückreicht. Als älteste Stadt Deutschlands gilt Trier, das römische Augusta Treverorum, die spätestens 16 v. Chr. gegründet wurde und lange Zeit die größte Stadt nördlich der Alpen war. Ganz in der Nähe befand sich Noviomagus Nemetum, das heutige Neumagen-Dhron. Bonna war das heutige Bonn. Köln nannten die Römer Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Hauptstadt der Provinz Germania Superior war Mogontiacum, das heutige Mainz. Gegenüber der Mündung des Neckars in den Rhein bauten die Römer im 4. Jahrhundert n. Chr. ein Kastell, das sie Alta ripa (hohes Ufer) nannten, heute heißt dieser Ort Altrip. Das kurz nach Trier als Legionslager gegründete Augusta Vindelicorum heißt heute Augsburg. Es gibt noch viele weitere Beispiele. Die Namen vieler Städte und Dörfer, die zum Römischen Reich gehörten, gehen auf lateinische Namen zurück, die sie vor Jahrhunderten erhalten haben.

Latein lernen, um andere Fremdsprachen schneller zu lernen

Heutzutage ist die universelle Sprache Englisch, zu Zeiten Roms war es Latein.

Englisch ist zwar keine romanische Sprache wie Französisch, Italienisch, Spanisch, Rumänisch oder Portugiesisch. Dennoch sind 70% der englischen Wörter lateinischen Ursprungs.

Und viele romanische Sprachen sind wichtige Amtssprachen in westlichen Ländern.

Durch das Erlernen der lateinischen Sprache, findet man sich in europäischen Sprachen generell besser zurecht, weil Latein im Mittelalter ganz Europa beeinflusste: Da es den Eliten unmöglich war, alle regionalen Sprachen zu lernen, war Latein die Sprache der allgemeinen Kommunikation von Nordengland bis in die Balkanländer.

Ehemalige Latein-Schüler wissen wahrscheinlich, warum Standard-Italienisch - das ist übrigens toskanisch - anders ist als Latein, aber ursprünglich vom selben Ort kommt: Der italienischen Halbinsel.
Von der Gründung Roms bis zur Blüte seines Reiches, verbreiteten die Römer die lateinische Sprache in ganz Italien. Aber es gab Dutzende von mehr oder weniger ähnlichen Dialekten, darunter Umbrisch, Volskisch, Etruskisch...
Das ist der Grund, warum Italienisch der lateinischen Sprache nahe steht, aber nicht ähnlich ist.

Latein lernen, um die römische Zivilisation zu verstehen

In den neuen Programmen für Latein in der Mittel- und Oberstufe erkennen wir, dass das Ziel heute weniger darin besteht, perfekt Latein zu lernen, sondern eher darin, eine globale Vision der römischen Zivilisation zu erlangen.

1500 Jahre Römische Geschichte - das hinterlässt Spuren. | Quelle: Pixabay

Im Unterricht lernen Schüler heute das gesamte Erbe der Römer, sowohl sprachlich, historisch, politisch, wissenschaftlich, kulturell, sozial und künstlerisch.
Der Unterricht zielt nicht nur darauf ab, einen lateinischen Text zu verstehen und und ein lateinisches Verb zu deklinieren, sondern vermittelt darüber hinaus Kenntnisse des Alltagslebens der Römer.
Die römische Zivilisation ist 13 Jahrhunderte alt und wurde 753 v. Chr. an den Ufern des Tibers gegründet. Sie beeinflusste ganz Europa bis zum Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476.

Insgesamt gab es nur drei politische Regime:

  • Die Monarchie: von -753 bis -509,
  • Die Republik: von -509 bis -27,
  • Das Römische Reich: von -27 bis 476.

Historiker gehen davon aus, dass das archaische Latein während der römischen Monarchie geboren wurde: Man geht davon aus, dass die letzten Könige von Rom das etruskische Alphabet verwendet haben, während das archaische Latein von der Bevölkerung gesprochen wurde.

Wenn wir an das alte Rom denken, denken wir an eine Vielzahl wenig erfreulicher Merkmale: Bruder- oder Vatermord, Verrat, Opulenz, Profit, Gewalt, Plünderungen, Kriege, Ermordungen, Verschwörungen, Herrschaft ...

Aber das Know-how der Römer, ihre Errungenschaften, die zu den fortschrittlichsten der Antike zählen, lassen viele Menschen noch heute staunen.

Latein zu lernen bedeutet auch, die Augen für die Malerei, die Skulpturen, die Architektur oder die Mosaikdekorationen der römischen Welt zu öffnen.

Die Zahl der heute noch stehenden Gebäude zeugt vom Einfallsreichtum der römischen Bauherren und der einzigartigen Arbeit der damaligen Bevölkerung: Eine ganze Gesellschaft, die sich für den Glanz und die Macht eines Reiches einsetzte.

Wie konnten sie zum Beispiel Berge durchbohren, wie haben sie ihre Aquädukte und Brücken gebaut, eine ganze Stadt mit Trinkwasser und Heizung versorgt und das alles in kurzer Zeit und mit rudimentären technologischen Mitteln?

Der Bau des Kolosseums in Rom dauerte von 70 bis 80 n. Chr. Nur zehn Jahre!

Im alten Rom gab es über 160 öffentliche Bäderanlagen. Dort wurde nicht nur der Körper gereinigt, vor allem dienten sie auch als Ort für sozialen Austausch. Viele verfügten über eine Bibliothek und waren 24 Stunden am Tag geöffnet!

Die Modernität der römischen Zivilisation fasziniert viele bis heute.

Die Top Ten Gründe, um Latein zu lernen

Wir schließen mit einem Bonus von zehn Gründen, Latein zu lernen, für diejenigen, die immer noch nicht überzeugt sind:

1. Latein birgt keine Ausspracheprobleme

2. Latein hilft, Fremdwörter zu verstehen

3. Latein hilft beim Fremdsprachenlernen

4. Latein verbessert die Lesekompetenz

5. Latein sorgt für ein besseres Sprachverständnis

6. Latein vermittelt Wissen über die Antike

7. Latein vermittelt Wissen über den kulturellen Hintergrund Europas

8. Latein vermittelt grundlegende Arbeitstechniken

9. Latein lässt dich antike Originaltexte verstehen

10. Latein schafft gute Voraussetzungen fürs Studium

Wir wünschen Dir viel Spaß beim Lernen dieser spannenden Sprache und vergiss nicht: Prudentia Potential est!*

*Wissen ist Macht!

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Bertine

Ich bin studierte Ethnologin und Politikwissenschaftlerin, schreibe leidenschaftlich gerne und interessiere mich besonders für Sprachen, fremde Kulturen, Geschichte und Handwerk.