Du gehst in Deutschland zur Schule, vielleicht sogar aufs Gymnasium? Dann wirst Du zusätzlich zu all den anderen Aufsatzarten, die Du schon kennst, spätestens in der Oberstufe im Fach Deutsch auch eine Gedichtanalyse bzw. -interpretation schreiben müssen.

Im Gegensatz zu anderen Aufsatzarten wie der Inhaltsangabe oder vielleicht auch noch der Erörterung (ich habe Erörterungen in der Schule geliebt!) ist die Gedichtanalyse aber eher nicht so beliebt. Woran das liegt? Nun, während das Lesen von Lyrik zu früheren Zeiten noch eine beliebte Unterhaltungsform war, können wir heutzutage nicht mehr ganz so viel damit anfangen.

Es passiert schnell, dass man sich fragt, warum man im Fach Deutsch eigentlich Gedichte analysieren soll und über Versmaß und rhetorische Mittel Bescheid wissen muss. Das ist zwar einerseits verständlich, andererseits muss man sich in der Schule manchmal auch mit Dingen auseinandersetzen, von denen man nicht direkt merkt, welchen Nutzen sie später mal haben könnten.

Denn wenn Du ein Gedicht analysierst und interpretierst, lernst Du ganz nebenbei auch, wie Du systematisch arbeitest, Theorie in der Praxis anwendest, die Aussagen anderer deuten kannst und wie Du Deine Untersuchung und Erkenntnisse so begründest und ausdrückst, dass sie nachvollziehbar sind.

All diese Fähigkeiten braucht man in so gut wie jedem Job!

Wenn Du also das nächste Mal ein Gedicht interpretieren sollst und es Dich nervt, denk dran, dass es einem höheren Ziel dient: Deiner Allgemeinbildung und Ausbildung von entscheidenden Schlüsselkompetenzen, die Dir in vielen anderen Bereichen als dem Fach Deutsch oder der Welt der Lyrik weiterhelfen werden!

Das ist Dir alles zu weit weg? Fair enough. Dann denk einfach daran, dass Du in der nächsten Klassenarbeit eine gute Note einfahren willst :)

Wie das geht? In diesem Artikel erfährst Du es!

Was ist eine Gedichtinterpretation?

Zunächst einmal wollen wir uns aber anschauen, worum es sich bei der Gedichtanalyse bzw. Gedichtinterpretation eigentlich handelt. Und da haben wir schon das erste Problem: Heißt es nun Analyse oder Interpretation?

Die Antwort ist: meistens beides! Analyse beschreibt den ersten Teil Deiner Arbeit, in dem Du Form und Sprache eines Gedichts eben analysierst. Meist bringt das alleine aber nicht viel, denn solche Beobachtungen anstellen kann ja (fast) jeder.

Das Spannende ist dann, herauszuarbeiten, wie diese Form und sprachlichen Mittel den Inhalt unterstreichen, was das alles zu bedeuten hat und was uns der Verfasser/die Verfasserin dieses lyrischen Werks damit sagen möchte.

Worum geht es in Gedichten der Romantik?
Die Dichter der Romantik schrieben oft über die Mystik der Natur. | Quelle: Pixabay

Und zack, sind wir bei der Interpretation des Gedichts. Also: Gedichtanalyse und Gedichtinterpretation werden zwar synonym verwendet, sind aber eigentlich zwei verschiedene Teile ein und desselben Aufsatzes.

Und welche Gedichte muss man so in der Schule interpretieren? Besonders gerne werden Liebesgedichte und Gedichte über die Natur im Fach Deutsch interpretiert. Rilke, Mörike, aber auch Schiller sind dabei nur einige wenige Namen, die einem unterkommen werden. Klick Dich doch mal online durch, da findest Du sehr viele, schöne Gedichte und Texte berühmter Lyriker!

Gedichtanalyse – Vorbereitung

Wie bei jeder Aufsatzart ist auch bei der Gedichtanalyse eine solide Vorbereitung die halbe Miete. Und das gilt umso mehr, als es sich wie bei der klassischen Textinterpretation auch um eine Aufsatzform handelt, bei der es einen Ausgangstext gibt, anhand dessen man seinen Aufsatz schreibt.

Das bedeutet konkret: Ran an die Textmarker und das Lineal!

Der erste Schritt klingt zwar banal, ist aber enorm wichtig: Du musst Dir das Gedicht aufmerksam und mehrmals durchlesen. Bei den ersten zwei Malen solltest Du am besten noch nichts markieren, sondern das Werk der Lyrik einfach mal in seiner Gesamtheit erfassen und auf Dich wirken lassen.

Bevor es dann an Versmaß und Co. geht, kannst Du Dir in diesem Schritt schonmal überlegen, wie das Gedicht auf Dich wirkt. Klingt es traurig, fröhlich, sehnsüchtig? Findest Du es schön, witzig, erschreckend?

All das ist später wichtig, wenn Du Dir eine Deutungshypothese überlegst und nach sprachlichen Mitteln suchst, die Deinen Eindruck untermauern. Aber Vorsicht! Versuch nicht, auf Teufel komm raus an Deinem ersten Eindruck festzuhalten und alle Merkmale darauf auszulegen.

Wenn die Analyse des Gedichts etwas anderes ergibt, lass es zu. Behalte also eine offene Einstellung und versteif Dich nicht zu sehr auf eine bestimmte Interpretation.

Nun aber weiter zur Vorbereitung. In Schritt 2 kannst Du erst einmal alle formalen Dinge notieren, also folgende Fragen für Dich beantworten (und in Stichpunkten festhalten):

  • Wie viele Strophen hat das Gedicht?
  • Wie viele Verse hat jede Strophe?
  • Welches Metrum (Versmaß) wird verwendet?
  • Welches Reimschema wird verwendet (falls überhaupt)?
  • Wie sehen die Kadenzen (Silbenenden) aus?

Diese Analyse setzt natürlich voraus, dass Du weißt, wobei es sich bei diesen Begriffen handelt und die jeweiligen Arten (z.B. Paarreim, Kreuzreim etc.) erkennst.

Doch keine Angst, im Normalfall wird man ja nicht einfach ins kalte Wasser geschmissen, sondern bespricht diese Dinge vorher im Unterricht. Und solltest Du gefehlt oder nicht aufgepasst haben, findet sich vielleicht etwas in Deinem Deutschbuch, und wenn nicht, kannst Du Dich natürlich immer auch online umschauen.

Als nächstes analysierst Du die sprachlichen Aspekte:

  • Wie sieht der Satzbau aus (eher einfach, eher kompliziert)?
  • Welche Sprachelemente fallen besonders auf (z.B. viele Substantive, wiederholende Adjektive etc.)?
  • Wie verhält es sich mit der Erzählweise des lyrischen Ich (heiter, Traurig etc.)?
  • Welche rhetorischen Stilmittel werden verwendet (z.B. Ironie, Alliteration, Anapher etc.)?
  • Welche sprachlichen Bilder werden verwendet (Farben, Vergleiche usw.)?
Wie kann ich eine Gedichtanalyse vorbereiten?
Vergiss für die Vorbereitung Deiner Gedichtanalyse nicht Dein Lineal! | Quelle: Unsplash

Auch diese Aspekte gilt es natürlich zu kennen und auch in gewisser Weise auswendig zu lernen, um sie dann bei der Gedichtanalyse auch wirklich erkennen und benennen zu können!

Während der Vorbereitung kannst Du all diese Dinge in verschiedenen Farben markieren und Stichpunkte an den Rand oder auf ein extra Blatt schreiben. So hast Du die meiste Arbeit eigentlich schon hinter Dir und musst den Aufsatz, also Deinen Text, danach "nur noch" ausformulieren.

Als letzten Schritt solltest Du Dir Gedanken zur Interpretation des Gedichts machen. Was bewirken die spezielle Form und v.a. auch die sprachlichen Elemente? Was gibt das lyrische ich dadurch von sich preis?

Und was wollte der Verfasser/die Verfasserin damit aussagen? Was ist die Hauptaussage des Gedichts? Und was löst das Gedicht beim Leser/der Leserin aus?

Wenn Du all diese Fragen für Dich beantwortet hast, kann es auch schon losgehen mit dem Schreiben!

Wie sieht der typische Aufbau einer Gedichtanalyse aus?

Wie andere Aufsatzarten (z.B. die beliebte Aufsatzart Charakterisierung) besteht auch der Aufbau einer Gedichtanalyse aus Einleitung, Hauptteil und Schluss. Das ist schonmal die erste große Hilfe für Dich, denn im Gegensatz zu freieren Aufsatzformen wie dem Essay kannst Du Dich bei der Gedichtanalyse an eine feste Struktur halten und sozusagen daran entlang hangeln.

Klar, es ist trotzdem nicht einfach, weil man viel Vorwissen braucht und "zwischen den Zeilen" lesen können muss, aber ich fand es trotzdem immer hilfreich ein vorgegebenes Schema zu haben, dass ich – blöd gesagt – stur abarbeiten kann.

Wenn Du diese formalen Kriterien einhältst, ist das schon mal ein guter Anfang für Deinen Text und eine solide Basis für eine gute Note. Mit Nachhilfe in Deutsch werden Deine Noten noch besser.

Wie sieht diese Struktur also aus?

Einleitung

In der Einleitung stellst Du erst einmal das Werk vor, um das es geht. D.h., Du nennst Titel, Autor, Erscheinungsjahr, die Gedichtart sowie die Epoche.

Das steht entweder alles auf dem Aufgabenblatt, oder – z.B. bei der Epoche – weißt Du es, weil das Gedicht von einem bestimmten Autor ist, der z.B. nur zur Zeit der Romantik Gedichte verfasste, und ihr davon schon viele im Unterricht besprochen habt.

Im Anschluss nennst Du auch schon Deine Deutungshypothese, also was Deiner Meinung nach die Absicht des Gedichts ist. Zum Beispiel: "Das Gedicht von XY soll den Menschen deutlich machen, wie sinnlos der Krieg ist."

Online findest Du natürlich auch viele Videos zum Thema Gedichtanalyse und wie Du lernen kannst, Gedichte zu interpretieren:

Hauptteil

Und dann wären wir auch schon beim Hauptteil, dem Herzstück Deines Aufsatzes. Hier passiert die eigentliche Gedichtanalyse sowie -interpretation.

Der Hauptteil ist wiederum in verschiedene Absätze gegliedert (die Du auch optisch voneinander trennen solltest, indem Du jeweils in einer neuen Zeile beginnst):

  1. Inhaltswiedergabe
  2. Analyse des Aufbaus
  3. Sprachanalyse
  4. Interpretation

1. Inhaltswiedergabe

Hier schreibst Du auf, worum es im Gedicht geht (also das Thema, z.B. Naturbeschreibung) sowie wo und wann es spielt (falls man das weiß, und das eine Rolle spielt, z.B. abends am Meer). Auch solltest Du kurz erklären, wer der Erzähler ist, oder dass man eben nicht weiß, wer spricht.

Und schließlich kannst Du noch kurz auf den Titel des Gedichts eingehen und erklären, warum dieser passt (oder eben nicht).

2. Aufbauanalyse

Hier analysierst Du den Aufbau, was Du ja schon in der Vorbereitung getan hast. Du schreibst also auf, was Deine Erkenntnisse zu der Anzahl der Strophen und deren Verse ist, welches Versmaß und welches Reimschema verwendet werden und was Dir zu den Kadenzen aufgefallen ist.

3. Sprachanalyse

Auch die Sprachanalyse haben wir uns schon in der Vorbereitung angesehen. Hier schreibst Du nun also alles nieder, was Du bezüglich der Sprache analysiert hast, also wie die Sätze sind, welche sprachlichen Auffälligkeiten es gibt, ob und welche rhetorischen Mittel verwendet werden usw. (s. oben).

Was muss ich bei einer Gedichtanalyse beachten?
Vergiss nicht, Deine Gedichtanalyse mit Textstellen zu belegen! | Quelle: Unsplash

Bedenke bei diesen ersten drei Schritten, dass Du mit einem Originaltext arbeitest, d.h., Du musst alle Aussagen mit Textstellen (Zeilenangabe) belegen!

4. Interpretation

Und jetzt geht es ans Eingemachte: die Interpretation des Gedichts. Das ist der schwierigste Teil, denn nun musst Du die formellen und sprachlichen Mittel, die Du erkannt hast, deuten und Schlüsse daraus ziehen.

Dabei kann ich Dir nur den Tipp geben: Sei kreativ, man kann in alles etwas reinlesen! Dabei ist es total egal, ob der Verfasser resp. die Verfasserin das so gemeint hat oder nicht. Es gibt kein Richtig und kein Falsch – solange Du Deine Interpretation begründen kannst, ist alles gut.

Dir ist aufgefallen, dass die Zeilen manchmal abgehackt sind und mitten im Satz enden? Oder dass die eine Strophe ganz anders ist als der Rest? Wenn es um den Krieg geht, kann das die Zerstörung und das Chaos des Krieges symbolisieren.

Das Gedicht klingt anfangs eher traurig und deprimierend, aber von Strophe zu Strophe wird der Ton lockerer und es kommt oft die Farbe Grün vor? Nun, Grün steht ja für die Hoffnung, also findet das lyrische Ich vielleicht seinen Optimismus wieder und die Aussage ist, dass es immer ein Licht am Ende des Tunnels gibt.

Wichtig ist, dass Du in den Großteil Der von Dir analysierten formellen und sprachlichen Aspekte im Interpretationsteil dann auch etwas hineininterpretierst, denn sonst hängen die beiden Abschnitte nicht zusammen, und die Analyse war sozusagen umsonst.

Klar, man kann nicht in jeden Reim und jede Silbe etwas deuten, aber Du weißt sicher, was ich meine. Scheu Dich dabei nicht davor, es auch ein bisschen zu übertreiben mit den Bildern und Deutungen, schließlich ist das die Aufgabe und es geht ja auch um Lyrik und nicht irgendeinen Sachtext oder eine wahre Begebenheit, über die es originalgetreu zu berichten gilt.

Abschließend stellst Du noch einmal heraus, was damit ausgedrückt werden soll, also was die Intention des Verfassers war bzw. was das Gedicht in der Leserin auslösen soll.

Und vergiss dabei auch nicht, dass die Sprache in einem Text natürlich nicht komplett vom Inhalt zu trennen ist. Hab also keine Angst davor, im Teil der sprachlichen Analyse auch Punkte, die den Inhalt betreffen, anzusprechen (z.B. wenn ein bestimmtes Thema immer wieder aufgegriffen wird).

Schluss

Der Schluss soll Deinen Aufsatz abrunden. In diesem abschließenden Teil werden keine neuen Fakten und Inhalte mehr präsentiert, sondern Du solltest nur noch einmal kurz zusammenfassen, was Du im Hauptteil herausgearbeitet hast.

Was ist das Ergebnis Deiner Analyse und Interpretation? Hat sich dank der Arbeit mit dem Text Dein erster Eindruck bzw. Deine Hypothese zum Thema des Gedichts bestätigt?

Und wenn das von Deinem Lehrer oder Deiner Lehrerin gewünscht ist, kannst Du vielleicht auch noch Deinen persönlichen Eindruck abgeben.

Unsere Tipps & Tricks rund um die Gedichtanalyse

Zum Abschluss nochmal ein kleiner Überblick, was Du bei der Gedichtanalyse alles beachten solltest.

  • Vor der Klassenarbeit die Theorie lernen: Reimschemata, Versmaß, rhetorische Mittel usw.!
  • Form: Fließtext
  • Zeitform: Präsenz
  • Einleitung: sollte Titel, Autor, Erscheinungsjahr, Gedichtart (Gattung) und Epoche enthalten; nenne Deine Deutungshypothese
  • Hauptteil: 1. Textwiedergabe, 2. Inhaltliche Analyse, 3. Sprachliche Analyse, 4. Interpretation
  • Schluss: Fazit, eventuell eigene Meinung
  • Bei den ersten drei Abschnitten des Hauptteils Zeilenangaben nicht vergessen!
  • Zwischen der formellen und sprachlichen Analyse und der Interpretation sollte ein Zusammenhang bestehen!

Wie Du siehst, ist das alles gar nicht so einfach und man muss ganz schön Vorwissen besitzen. Es handelt sich schließlich nicht um einen einfachen Grundschulaufsatz, und Du bist nicht umsonst in der Oberstufe.

Wie schreibe ich eine gute Gedichtinterpretation?
Schritt für Schritt kommst Du bei der Gedichtinterpretation ans Ziel! | Quelle: Pixabay

Doch das kann auch ein Pluspunkt sein! Denn gerade, wenn man nicht so gut im "Labern" und "große Reden schwingen" ist, kann man schon mal gut punkten, wenn man das Gedicht richtig analysiert.

Wenn man dann auch noch weiß, worum es in Gedichten bestimmter Epochen meistens geht (Liebe, Sehnsucht nach der Natur, Krieg usw.), kann man auch relativ leicht Dinge hineininterpretieren, die mehr oder weniger passen.

Und man wird ja auch nicht komplett ins kalte Wasser geschmissen, sondern bespricht auch schon einiges vorher im Unterricht.

Immer dran denken, die Lehrkraft will am liebsten auch, dass alle eine gute Note schreiben! ;)

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Anna

Man lernt nie aus ...